Die Mädchen von St. Bernadette

Das Ende

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Die Mädchen von St. Bernadette

Die Mädchen von St. Bernadette

Jürgen Lill

Sie hatten auch nie nach einer Zugehörigkeit zu ihren Mitschülerinnen gesucht. Sie wussten, dass sie anders waren, nicht weil sie im Waisenhaus lebten, sondern weil ihr ganzes Denken und Fühlen einfach anders war. Sie hatten bei anderen Mädchen niemals, wirklich kein einziges mal, echte Freundschaften gesehen. Bei den geringsten Meinungsverschiedenheiten hatten sie Freundschaften zerbrechen sehen, die jahrelang gehalten hatten. Besonders jetzt, in ihrem Alter, wo Jungen anfingen, sich für die Mädchen zu interessieren und wo auch die Mädchen ihre nicht mal mehr ersten Erfahrungen sammelten, zerbrachen täglich Freundschaften und Beziehungen aus Eifersucht.

Nichts war konstant in der Welt in der sie lebten, nur die Beziehung die sie verband. Und noch etwas: Ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Und genau der hatte sich gemeldet, als sie erfuhren, was Josh Barker, dem Sportlehrer aus der Parallelklasse, der zu allen Schülern ein gutes Verhältnis hatte und der immer freundlich und hilfsbereit war, vorgeworfen wurde. Sie hatten sich nie Gedanken darüber gemacht, ob sie gute oder schlechte Menschenkenner waren. Eigentlich hatten sie sich angewöhnt, niemandem ganz zu vertrauen. Aber obwohl sie Barker nur vom Sehen und Hörensagen her kannten, waren sie sich einig, dass er niemals eine Schülerin vergewaltigt hätte. Da waren sie sich hundertprozentig sicher. Sie konnten überhaupt nicht verstehen, wie plötzlich alle Menschen aus seinem Umfeld, zu denen er immer ein gutes Verhältnis hatte, plötzlich, nur aufgrund einer nicht bewiesenen Anschuldigung, die keiner, der Barker auch nur ein wenig kannte, glauben konnte, sich plötzlich von ihm ab- und gegen ihn wandten.

„Also was machen wir?“, fragte Marijana schließlich, als sie sich wieder aus der Umarmung löste und ihre Tränen trocknete.

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