Die Möglichkeit des Abends

18 14-22 Minuten 1 Kommentar
Die Möglichkeit des Abends

Die Möglichkeit des Abends

Leni Trattner

Einer, dann der andere. Ich spürte den Teppich unter meinen Füßen, weich, gemütlich.
Ich ging zum Spiegel, blieb kurz stehen, sah mich an. Noch immer dieselbe Wirkung. Vielleicht sogar stärker jetzt, nach den paar Gläsern Wein. Aus einem Impuls blieb ich vorm Spiegel stehen, öffnete vor ihm den Reißverschluss meines Kleides langsam. Nicht, weil es kompliziert gewesen wäre, sondern weil ich es zelebrieren wollte. Zentimeter für Zentimeter glitt das Kleid von meinem Körper nach unten, bis ich es mit meinem Fuß fast filmreif auffing – und mich freute, wie elegant und mühelos es ausgehen hatte.
Jetzt stand ich einfach da. In Unterwäsche, im weichen Licht, mit diesem leisen Nachhall des Abends, also eigentlich dem Wein und dem guten Essen noch im Körper. Ich strich mir über den Bauch, über die Hüfte, über meine Brüste, spürte die Wärme meiner eigenen Haut unter meinen Fingern. Es war kein prüfendes Abtasten, sondern ein Genießen.
Ich nahm die Dessertschachtel, setzte mich aufs Bett, die Beine überkreuzt.
Und so aß ich halbnackt vor dem Spiegel Tiramisu. Es war süß, kühl, ein wenig zu viel—also genau richtig.
Ich dachte an Simone. Daran, wie er mich angesehen hatte. Wie nah er mir gekommen war, ohne mich zu berühren. Ich stellte mir vor, wie er jetzt hier wäre. Wie er im Türrahmen stehen würde, mich so sehen würde—halb angezogen. Wie er näherkommen würde. Langsam genug, dass ich Zeit habe, ihn zu beobachten. Wie seine Hand sich hebt, aber nur langsam—nicht aus Unsicherheit, sondern weil er weiß, dass ich diesen Moment auskosten will.
Meine Finger glitten wie von selbst über meinen Oberschenkel, spielerisch, fast beiläufig. Aber natürlich wusste ich, dass dies nur das Vorspiel war, das ich mir selbst immer gönnte. Denn wie auch mit Männern, ich mag es, zu Beginn ein bisschen zu spielen.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 740

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Ach Leni ....

schreibt Stayhungry

.... du schreibst so wunderschön

Gedichte auf den Leib geschrieben