Die Möglichkeit des Abends

56 14-22 Minuten 2 Kommentare
Die Möglichkeit des Abends

Die Möglichkeit des Abends

Leni Trattner

Einer, dann der andere. Ich spürte den Teppich unter meinen Füßen, weich, gemütlich.
Ich ging zum Spiegel, blieb kurz stehen, sah mich an. Noch immer dieselbe Wirkung. Vielleicht sogar stärker jetzt, nach den paar Gläsern Wein. Aus einem Impuls blieb ich vorm Spiegel stehen, öffnete vor ihm den Reißverschluss meines Kleides langsam. Nicht, weil es kompliziert gewesen wäre, sondern weil ich es zelebrieren wollte. Zentimeter für Zentimeter glitt das Kleid von meinem Körper nach unten, bis ich es mit meinem Fuß fast filmreif auffing – und mich freute, wie elegant und mühelos es ausgehen hatte.
Jetzt stand ich einfach da. In Unterwäsche, im weichen Licht, mit diesem leisen Nachhall des Abends, also eigentlich dem Wein und dem guten Essen noch im Körper. Ich strich mir über den Bauch, über die Hüfte, über meine Brüste, spürte die Wärme meiner eigenen Haut unter meinen Fingern. Es war kein prüfendes Abtasten, sondern ein Genießen.
Ich nahm die Dessertschachtel, setzte mich aufs Bett, die Beine überkreuzt.
Und so aß ich halbnackt vor dem Spiegel Tiramisu. Es war süß, kühl, ein wenig zu viel—also genau richtig.
Ich dachte an Simone. Daran, wie er mich angesehen hatte. Wie nah er mir gekommen war, ohne mich zu berühren. Ich stellte mir vor, wie er jetzt hier wäre. Wie er im Türrahmen stehen würde, mich so sehen würde—halb angezogen. Wie er näherkommen würde. Langsam genug, dass ich Zeit habe, ihn zu beobachten. Wie seine Hand sich hebt, aber nur langsam—nicht aus Unsicherheit, sondern weil er weiß, dass ich diesen Moment auskosten will.
Meine Finger glitten wie von selbst über meinen Oberschenkel, spielerisch, fast beiläufig. Aber natürlich wusste ich, dass dies nur das Vorspiel war, das ich mir selbst immer gönnte. Denn wie auch mit Männern, ich mag es, zu Beginn ein bisschen zu spielen.

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Famos!

schreibt Burgunder

Werte Frau Trattner, Liebe Leni, Der größte Makel an ihren Geschichten ist die Anzahl. Nur 11. Ich habe sie alle gelesen, genossen und bewundert! Dafür ganz herzlichen Dank! Für eine Wienerin sind Ihre Geschichten erstaunlich strudel- oder topfenfrei aber Ihre Liebe zum Kaffee-Haus machen Ihre Geschichten so wohnlich, vertraut! Da ich gelegentlich Geschichten schreiben, möchte ich h gerne ein kleines Detail, ein Faible von Ihnen klauen. Traue mich das jedoch nicht ohne Ihre Erlaubnis. Mögen Sie sich bei mir melden um eben jenes zubesprechen? Burgunder2017@web.de Viele Grüße Tom

Ach Leni ....

schreibt Stayhungry

.... du schreibst so wunderschön

Gedichte auf den Leib geschrieben