Ich sah gut aus. Nicht im höflichen Sinn. Sondern im faktischen Sinne. Und vor allem: Ich sah aus wie ich.
Für einen Moment blieb ich einfach stehen, ließ dieses Gefühl zu, ohne es sofort einzuordnen. Es war kein Wunsch, jemand anderem zu gefallen. Aber das Auskosten von «ich bin eine attraktive Frau». Es war das klare, ruhige Wissen, dass ich es immer noch draufhatte, wenn ich wollte.
Ich verließ das Hotel ohne Eile.
Das Restaurant lag ein paar Straßen weiter, klein, unscheinbar, ohne Touristenmenü-Tafel vor der Tür. Ich wurde allein platziert. Kein mitleidiger Blick, kein Zögern. Nur eine kurze, selbstverständliche Geste. Das gefiel mir. Und es war genau so, wie der Concierge es mir versichert hatte. Der perfekte Ort, um allein zu essen.
Ich bestellte mehrere Gänge und ein Glas Wein. Dann noch eines. Ich aß und trank, ohne mich zu beeilen. Und ich dachte an ihn.
Nicht mit Reue. Eher wie an eine Möglichkeit, die ich bewusst nicht eingelöst hatte. Ich stellte mir vor, wie er vielleicht auf die Uhr sah. Oder auch nicht. Wie er sich eine andere Geschichte suchte, die besser in seinen Abend passte. Oder eine andere Frau, die diese Möglichkeit nutzen wollte.
Es störte mich nicht. Ich war genau dort, wo ich sein wollte.
Als ich fertig war, blieb ich noch einen Moment sitzen, trank den letzten Schluck Wein und fühlte tief in mir, dass ich die richtige Wahl getroffen hatte. Ich hatte den Abend in der Gesellschaft verbracht, die ich wirklich gewollt hatte. Nur meiner.
„Dolce?“, fragte der Kellner.
Ich lächelte leicht. „Gerne, das Tiramisu, aber zum Mitnehmen.“
Zurück im Hotel schloss ich die Tür hinter mir, lehnte mich einen Moment dagegen, ohne die Augen zu schließen. Nur ankommen. Dann stellte ich die kleine Schachtel mit dem Dessert auf den Tisch, zog langsam die Schuhe aus.
Die Möglichkeit des Abends
19 14-22 Minuten 1 Kommentar
Die Möglichkeit des Abends
Zugriffe gesamt: 841
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.
Ach Leni ....
schreibt Stayhungry