Die Nachricht

Chef mailt nach Feierabend - Teil 1

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Otto Eric Riess

Dörte tritt in einen dunklen Flur, der im selben Moment durch das Signal eines Bewegungsmelders erleuchtet wird. Sie blickt den langen Gang entlang. Links vom Gang sind die Mitarbeiterbüros, rechts die Toiletten sowie Küchen-, Abstell- und Besprechungsräume. Mit langsamen Schritten schreitet sie voran. Sie ist nicht zum ersten Mal hier und kennt sich aus. Das vierte Büro gehört ihrem Chef. Sie bleibt davorstehen. Mit Ehrfurcht liest sie das Schild, das neben der Tür angebracht ist: „C 2.4 Olav Meidick, Verwaltungsdirektor“. In einer Art von Ritual hält sie noch kurz inne, um ihr Bewusstsein dafür zu schärfen, dass sie sich anschickt, in den Herrschaftsbereich ihres Chefs einzudringen. Sie holt tief Luft und strafft sich. Bauch rein, Brust raus. Dann klopft sie. Aus dem Inneren des Büros hört sie eine vertraute Stimme: „Herein!“
Als Dörte eintritt, sieht Olav von seiner Arbeit hoch. Während sie die Tür hinter sich schließt und auf ihn zugeht, erhebt er sich. Sie stoppt in respektvollem Abstand vor seinem Schreibtisch und mustert ihren Chef. Imposant und sehr chic steht er vor ihr. Er trägt einen feinen dunkelgrauen Anzug, den sie noch nie gesehen hat und in dessen Brusttasche ein farbiges Tuch steckt. Unter der Jacke schaut ein hellblaues Seidenhemd hervor. Die Füße stecken in edlen schwarzen Lederschuhen. Seine distinguierte Erscheinung lässt Dörtes Herz höherschlagen. Offenbar hat er sich extra für sie so herausgeputzt! Erwartungsvoll lächelt sie ihn an.
Doch Olavs Miene bleibt ausdruckslos. Im Ton und Gestus geschäftsmäßiger Distanziertheit spricht er Dörte an: „Einen Augenblick. Ich bin gleich fertig mit meiner Arbeit. Leg doch bitte schon ab.“ Mit dem Arm deutet er auf einen Garderobenständer, der neben der Tür in der Ecke steht. Ohne eine Erwiderung abzuwarten, setzt er sich und widmet sich wieder seinem Computer.
Ernüchtert schaut Dörte ihren Chef an. Sie fühlt sich ungerecht behandelt. Mit einem derart kühlen Empfang hat sie nicht gerechnet. Kein „Schön, dass Du da bist“, ja, nicht einmal ein Wort des Grußes hat er für sie übrig. Stattdessen lässt er sie unbeachtet stehen, obwohl sie über ihren Schatten gesprungen ist und alle seine Instruktionen akkurat befolgt hat. Warum ist er so undankbar? Was hat sie falsch gemacht, dass er sie behandelt wie eine lästige Angestellte, die ihm seine kostbare Zeit zu stehlen droht?

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