Die Nachricht
„Endlich Feierabend“, seufzt Dörte erschöpft, als sie am Nachmittag ihre Wohnung betritt. Der Arbeitstag war anstrengend. Sie geht in die Küche und setzt Wasser auf, um sich einen Tee zu kochen. Als das Wasser kocht und sie den Tee aufgießen will, vibriert ihr Smartphone. Der Klingelton lässt erkennen, dass eine E-Mail eingegangen ist. Sie stellt den Wasserkocher ab und öffnet das Mailprogramm, um einen Blick auf die Nachricht zu werfen. Eine Markierung weist sie als wichtig aus. Absender ist „Chef“. Der Betreff lautet schlicht: „Heute Abend.” Dörtes Herz macht einen Sprung. Sie ahnt, dass der Tag ihr noch etwas zu bieten haben wird. Mit einem Schlag ist ihre Müdigkeit verflogen.
„Chef“ ist Olav, Dörtes Lebensgefährte. Den Namen “Chef” hat sie ihm nicht nur in ihrem Adressbuch gegeben. Auch in ihren Gedanken nennt sie ihn oft so. In Wahrheit ist er kein Chef, jedenfalls kein richtiger. Als Beamter im höheren Dienst leitet er zwar eine kleine Abteilung und hat eine Sekretärin, die ihm zur Seite steht. Trotzdem ist er nur ein Rädchen im Getriebe seiner großen Behörde. Mehrere Vorgesetzte machen ihm Vorgaben, die er umsetzen muss. Dörte weiß über diese Verhältnisse Bescheid. Doch für sie ändert sich dadurch nichts. Olav ist ihr “Chef”, wann immer er es sein will. Seit er weiß, dass Dörte es schätzt, wenn er ihr gegenüber in diese Rolle schlüpft, kommt es zunehmend häufiger vor. Dörte hat es mit Wohlgefallen registriert. Sie genießt es, wenn er ihr Geschick in die Hand nimmt, ihr vorgibt, was sie zu tun hat und sie sich seinem Willen unterordnen kann.
Ohne die Mail gelesen zu haben, ist sich Dörte sicher, dass er heute wieder als ihr Chef auftreten will. Sie bekämpft ihre Neugier, gießt den Tee auf und trägt ihre Tasse ins Wohnzimmer, wo sie sich in einen Sessel fallen lässt. Sie hält kurz inne, um tief Luft zu holen, bevor sie die Nachricht öffnet.
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