Das Prasseln der Dusche liess Bernds Herz allerdings höherschlagen, und er stellte sich Simone beim Einseifen vor. Ob sie untenrum rasiert war? Klar war die Frage kindisch, wenn nicht gar pubertär, vor allem heutzutage, wo Frauen auf tiktok die letzten Tabus niederreissen und alles von sich preisgeben – von chronischen Krankheiten bis hin zur Frage, wie man eigentlich eine Muschi wäscht oder rasiert oder einen Tampon einführt.
Bernd richtete das Tee-Service, während Simone sich unter der Dusche einen kleinen Tod, une petite mort, gönnte. Mit ihrem Klausi lief im Bett schon seit längerem nichts mehr, und die Fünfunddreissigjährige war notgeil, oder, um es etwas akademischer auszudrücken, so etwas wie nymphomanisch veranlagt. Sie liebte es über alles, Männer anzuheizen, um dann, einen Moment später, wieder die seriöse Familienmama zu spielen. Als ihre Kinder noch kleiner waren, hatte sie sich des Öfteren dabei ertappt, wie sie sich auf dem Spielplatz, vor den Augen der Familienväter, die ihre Kinder beaufsichtigten, bückte, um zum Beispiel einen Ball aufzuheben. Eine vollkommen unnötige Aktion eigentlich – Kinder sind blitzschnell und holen sich ihre Bälle selbst – notfalls auch dann, wenn sie sich in einem Baum verfangen haben. Trotzdem gab es Momente, in denen Simone sich nicht dazu schade gewesen war, etwa auf eine Leiter zu klettern, die von einem Papa mit umgebundenem Tragetuch festgehalten wurde. Und diesem Papa dabei einen direkten Blick unter ihren Sommerrock gönnte.
Reizen. Oder, um das in der Sprache von tiktok auszudrücken: Teasen. Simone war ein absoluter Teaser, eine, die den männlichen Tiger reizt, aber wehe, dieser macht einen Schritt, oder noch schlimmer, einen Sprung auf sie zu. Dann zieht sich eine wie Simone in ihr Familienmamaschneckenhaus zurück. Dabei hatte Simone eine ausgesprochen gesunde Psyche, sie war keineswegs, wie sich eventuell vermuten liesse, psychisch krank.
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