Die Punze

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Die Punze

Die Punze

Anita Isiris

Es klingelte. Larissa schreckte aus ihren Träumereien hoch, schob die Pinzette auf ein Filztuch und öffnete die Haustür. Draussen standen Lars, ihr Kollege aus dem Studium, und Ralf, ihr Nachbar. Die drei kannten sich seit vielen Jahren, waren schon oft zusammen im Ausgang, hatten herumgealbert, Ausflüge in die Flusslandschaft unternommen und, aneinander gekuschelt, TV-Serien über sich ergehen lassen. Binge Watching. Zu Sex war es allerdings noch nie gekommen – intuitiv, ohne darüber reden zu müssen, war allen drei klar, dass allzu grosse körperliche Nähe Freundschaften zerstören konnte. Kannte man sich zu gut, sank der Respekt, wie sie duzendfach bei den Eltern ihrer Freunde und Freundinnen beobachten konnten. «Meine Alte». Solche Ausdrücke brachten es auf den Punkt.

Ralf und Lars waren Träumer, Geniesser, Phantasten – gerade auch, was Larissas Körper anging. Sie standen Giorgio, dem Schornsteinfeger, Ottokar Ginsburg, dem Naturkundelehrer und Nano Nuskuri, dem Bademeister in nichts nach, wenn es um feuchte Larissa-Projektionen ging. Ralf nahm sie unten am Fluss, Lars in seinem Dachzimmer, auf dem Futon. Aber gesprochen wurde nicht darüber. Auch wussten die beiden um Larissas geheimnisvolle Leidenschaft, was Uhrwerke anging. Sie wussten, dass kleine und grosse Uhren der Schlüssel zu Larissas Seele waren. Und, ja, die Punze, der Stempel in Uhrgehäusen, der Schlüssel zu Larissas Punze.

«Ihr könnt mir gleich helfen», strahlte Larissa ihre beiden Freunde an. «Ich wollte gleich auf den Dachstock – da gibt’s einen verschlossenen Schrank, den ich nicht öffnen kann. Der Schlüssel ist irgendwo – verlegt von meinem Vater oder so – als er noch lebte.»

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