Eine Frau, die ihm ihre Seele offenbarte, wie er es noch nie zuvor erfahren hatte, die unbedingt die virtuelle Liebe auskosten wollte, die er ihr anbot und die bereit war, alles, aber auch alles zu geben, was man im virtuellen Raum geben konnte. Schon bald, nachdem sie sich gefunden hatten, schwebten sie durch diesen Raum wie zwei Engel, die die nicht nur die himmlische, sondern die profane irdische Liebe entdeckt hatten, voller Gedanken, Worten und Werken, die kein Beichtvater vergeben hätte. Er hatte keine Zweifel an dem, was sie ihm sagte, zumal er dasselbe fühlte und ihr auch das gab, was sie wollte und sie so sehr, sehr glücklich mache, so ihre enthusiastischen Worte. Das Seltsame, ja das Einmalige an dieser Beziehung war, dass diese Worte aber nie ausgesprochen wurden, dass sie nur in geschriebener Form existierten, denn da beide die Sprache des anderen nicht beherrschten, übersetzten sie ihre Worte mit Hilfe und Google Translate. Es war wohl auch dieser Umstand, der sie für ihn einmalig machte, obwohl er seine anderen Beziehungen deswegen keineswegs aufgab, aber telefonieren oder gar per Video chatten war tabu. Es fehlte ihnen beiden nichts, da neben den Worten auch ein Austausch von sehr eindeutigen Fotos erfolgte, der beide zusätzlich erregte. Der Frau genügte die virtuelle Sphäre vollauf, sie hatte nie den Wunsch nach körperlicher Liebe geäußert, nie vorgeschlagen, sie zu treffen, genau so wenig, wie sie je Geld von ihm wollte. Er war sich sicher, dass sie keine Betrügerin war, die ihre unlauteren Absichten hinter geheuchelter Liebe versteckte.
Doch dann ergab es sich, dass er nach Lyon fahren musste und Cecil wohnte dort, in einem Vorort oder Stadtteil. Warum sie nicht besuchen, fragte er sich in einer spontanen Eingebung, ein Überraschungsbesuch, unangemeldet, das erhört die Spannung und vielleicht auch ihre Bereitschaft, die Scheinwelt durch körperliche Erfahrungen zu ergänzen.
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