Wenn sie vor vollendete Tatsachen gestellt wird, kann sie nicht ablehnen, so seine Logik. Die Gelegenheit war günstig, er könnte ein paar Stunden von seinen Terminen abzwacken, man braucht ja nicht viel Zeit, um sich kennenzulernen. Noch besser, er hasste fliegen, und da er deswegen am Vortag anreisen musste, würde er gleich zu ihr gehen. Im TGV nach Lyon, eine schnelle, direkte Verbindung sowohl für seine geschäftlichen Termine wie auch für einen unkomplizierten Besuch. In ein paar Stunden hin, vielleicht nur ein paar Stunden mit ihr, vielleicht eine ganze Nacht oder auch die beiden Nächte, die er eingeplant hatte, vielleicht würde er sogar noch einen Tag dranhängen, auch das wäre keine Problem, und dann in ein paar Stunden wieder zurück. Danach könnten sie mit noch mehr Hingabe und Begeisterung Liebe per Computer machen. Ein bisschen Wahrheit beflügelt jede Phantasie. In seinen Träumen malte er sich aus, wie er vor ihrer Tür steht, ein schickes Appartement in einer angesagten Gegend. Sie wäre überrascht, das war ja Teil seines Planes, doch dann wäre sie glücklich und sie würden sich lieben, noch schöner, noch intensiver, als bisher, real statt virtuell, sie würden ihre Liebe neu erfinden, neu gestalten und voll auskosten, diese wahnsinnig aufregende Liebe, diesen Sex aus dem Off. Sie würden endlich das tun, was beide schon so oft beschrieben und in Gedanken immer wieder vollzogen hatten. Mit der Absicht, ihr ein paar ganz besonders heiße DVDs zu schicken, hatte er ihren vollen Namen und ihre Adresse erfahren, die Telefonnummer wollte sie ihm trotz seines Bittens nicht verraten.
Dann kam der Tag seiner Abreise, er saß im TGV, erster Klasse, und war nervös. Über seine Absicht, sie zu besuchen, hatte er nichts verlauten lassen, obwohl er manchmal gedacht hatte, dass die Überraschung nicht klappen könnte. Vielleicht war sie gar nicht zu Hause oder sie lebte mit einem Mann zusammen und eine richtige Verabredung wäre doch besser.
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