Die Saat des Begehrens

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Die Saat des Begehrens

Die Saat des Begehrens

Chloé d'Aubigné

Die Realität machte dieser Fantasie schon am ersten Tag einen Strich durch die Rechnung. Kaum war die Sonne über die Felder gestiegen, strömte die Hitze zwischen die Folientunnel. Schweiß rann mir zwischen den Schulterblättern hinab, Erde klebte an meinen Armen, und statt heldenhaft sah ich eher aus, als würde ich gleich mit den Tomaten umkippen. Meine Sehnsucht nach Schreibtisch, Klimaanlage und eiskaltem Eiskaffee wurde von Stunde zu Stunde stärker. Ich grüßte lachend meine alten Illusionen: So leicht war das hier nicht.
Manchmal stellte ich mir vor, in einer kühlen Redaktion zu sitzen und Korrekturen mit einem roten Stift zu kritzeln – ein süßer Tagtraum, der spätestens dann zersprang, wenn wieder eine Schubkarre voller Topfballen wartete oder Unkrautbücken für Rückenschmerzen sorgte.
Die Tage in der Gärtnerei begannen früh – mit noch kühlen Nebelschleiern auf den Feldern, bevor die Sonne alles in flirrendes Licht tauchte. Er, mein Anleiter, war morgens oft schon da, das Hemd an den Schultern fleckig vom Gießen, die Haltung ruhig und selbstverständlich. Nie habe ich erlebt, dass er sich über Müdigkeit beklagte. Im Gegenteil: Während ich noch versuchte, mit meinen Arbeitshandschuhen klarzukommen, balancierte er schwere Säcke auf der Schulter, als wögen sie nichts.
Oft beobachtete ich ihn aus dem Augenwinkel – wie seine muskulösen Arme die Wasserleitung lösten, wie sein Lachen leise und rar zwischen den Tomatenranken aufflackerte. Die Sonnenstrahlen brachten goldene Schattierungen auf seine Haut. Anfangs war diese Bewunderung für mich kaum mehr als ein stummes Eingeständnis, dass manche Stärken nicht mit Worten, sondern mit Händen und Haltung bewiesen wurden.
Je länger die Wochen sich dehnten, desto öfter ertappte ich mich dabei, dass ich ihn musterte: Wie sich die feuchten Locken in seiner Stirn kräuselten nach harter Arbeit, wie selbstverständlich er durchs Grün ging, wie der Schweiß auf seinen Unterarmen funkelte. Ich malte mir aus, wie diese Hände sich anfühlen mochten – hart, warm, sicher. Ich sah, wie er mit Leichtigkeit die schwersten Lasten trug – und stellte mir vor, wie leicht er mich einfach aufheben und in jede gewünschte Position bringen könnte.

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