Meine Fantasie wurde immer dreister. Während meine Hände in der Erde gruben, stellte ich mir vor, wie diese starken, schmutzigen Hände meine Haut berühren würden. Wie seine Stimme direkt an meinem Ohr klänge, rau vom Staub und doch vertraut. Manchmal stellte ich mir vor, wie wir allein im Schatten der Baumreihe standen, die Hitze zwischen uns greifbar, mein Puls schneller als jede Ernte.
Und immer wieder kämpfte ich mit mir selbst. Einerseits war ich diejenige, die mit stolz erhobenem Kopf von weiblicher Unabhängigkeit träumte und sich von Normen nicht einengen lassen wollte. Andererseits wünschte ich mir ganz schamlos, dass er meine Zurückhaltung einfach brechen und mich nehmen würde – ohne viele Worte, ohne Zweifel. Ich war verwirrt von der Wucht meines Begehrens und der eigenen Lust, die mich plötzlich immer wieder überfiel, wie eine warme Welle, gegen die ich nicht ankam.
Die Tage wurden länger, die Hitze drückender, und ich war müde – vom Schleppen, vom Bücken, aber noch mehr von diesem inneren Kampf. Der letzte Tag in der Gärtnerei kam schneller, als ich gedacht hätte. Schon am Vormittag lag eine eigentümliche Spannung in der Luft; hinter jedem Geräusch schien ein Versprechen zu lauern.
Als wir das letzte Mal nebeneinander an einem Beet arbeiteten, war ich ungewohnt ruhig. Die Sonne stand schon hoch, meine Haut glühte, die Hände waren voller Erde und kleiner Kratzer, doch mein Herz pochte, als stünde ich vor einer Entscheidung. Er war heute wortkarger als sonst, konzentriert auf seine Arbeit – oder auf meine Gegenwart? Ich wusste es nicht.
Mittags zog er mich zur Seite, klopfte mir anerkennend auf die Schulter. „Du hast wirklich durchgehalten“, sagte er, ehrlicher Respekt in seiner Stimme. Ich spürte Stolz, aber auch eine neue, ungewohnte Kühnheit in mir aufflammen. Meine Stimme war fester, als ich selbst erwartet hätte: „Findest du nicht, dass ich eine Belohnung verdient habe?“
Er sah mich erst ungläubig an, als müsste er den Sinn meiner Worte erst suchen. Dann huschte ein wissendes Leuchten in seine Augen. Der Moment schwebte – nur ein kurzes Innehalten, in dem ich alles spürte: Unsicherheit, Lust, Angst und Vorfreude. Ich lachte leise — eine Frechheit, die ich selbst kaum kannte.
Die Saat des Begehrens
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Die Saat des Begehrens
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