Die Saat des Begehrens

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Die Saat des Begehrens

Die Saat des Begehrens

Chloé d'Aubigné

Mein Garten ist mein kleines Paradies, in welchem ich so richtig abschalten kann. Auch heute knie ich zwischen den Beeten und spüre die kühle Erde unter meinen Fingern. Der Duft von frisch gemähtem Gras und Rosmarin liegt in der Luft, vermischt mit der leichten Süße der Wildblumen, die in der Wiese wachsen. Über mir summen Hummeln, wirken entspannt und zufrieden – und das bin ich auch.
Auch wenn schon nach wenigen Minuten kleine Schweißperlen über meinen Rücken kullern, empfinde ich in mir nur einen tiefen Frieden. Gartenarbeit ist für mich nie Pflicht gewesen. Vielmehr ist sie die beste Meditation. Die Bewegung bringt mich näher zu mir selbst und lässt mich in den Rhythmus der Natur eintauchen.
Während meine Hände arbeiten, kommt mein Geist zur Ruhe. Meine Gedanken ordnen sich dann wie von selbst, und schöne Erinnerungen kehren zurück. Heute, wie so oft, schweifen meine Gedanken zu dem Sommer vor etwas mehr als 20 Jahren. Dem Sommer, der alles verändert hat. Dem Sommer, der der Beginn von allem – oder zumindest von mir selbst – war.
Ich lasse meine Finger durch die Erde fahren, atme ein und spüre, wie alte Bilder aufsteigen: Der Geruch von feuchtem Rasen, das Prickeln der Sonne auf der Haut, ein Lachen von fern.
Als Studentin hatte ich mir vieles zugetraut – aber dass ich tatsächlich im Hochsommer in einer Gärtnerei landen würde, war selbst für meine spontane Art überraschend. Die meisten meiner Freundinnen zogen es vor, ihre Ferien in klimatisierten Bibliotheken oder an hellen Schreibtischen zu verbringen, während ich – den feministischen Banner vor mir hertragend – meinte, ich müsse der Welt beweisen, dass auch „zarte“ Frauen kräftig zupacken können. Vielleicht wollte ich es vor allem mir selbst beweisen.
In meiner Vorstellung war es eine Art stiller Protest gegen alle, die Frauen in Watte packen wollen. Ich wollte Erde unter den Fingernägeln sammeln, statt Komplimente für gepflegte Hände. Dachte, dass harter körperlicher Einsatz der ultimative Beweis für Selbstbestimmung sei. Und ganz nebenbei malte ich mir aus, wie ich im lässigen Overall, braungebrannt und mit zerzaustem Haar, mit cooler Selbstverständlichkeit schwere Kübel stemmte – das Sinnbild weiblicher Stärke.

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