Der Himmel zeigte sein makelloses Blau, die Vögel sangen und die ersten Sonnenstrahlen erhitzten nicht nur meine Haut, sondern auch meine Gedanken. Ich spürte die Wärme auf den Lenden und ein Ziehen unter dem leichten Stoff meiner Hose. Es war einer jener wunderbaren Mai-Tage, die erste Frühlingsgefühle weckten und eine Vorahnung des Sommers sandten. Ich schloss die Augen und dachte an Emily, die ich hatte zurücklassen müssen und die nun nicht sanft über mein begieriges Gemächt streichen konnte, um meine Fantasie vom Vögeln zu befriedigen.
Ich war erst am Anfang des Monats in die Stadt gezogen, um als Kulturredakteur für die renommierte Tageszeitung zu schreiben. Das hatte den Charme, dass ich meist erst in den Abendstunden im Einsatz war und mich den Tag über meinen sonstigen Neigungen hingeben konnte. So saß ich vormittags gerne in einem der kleinen Cafés, die an den Straßenkreuzungen mit Schwarz-Weiß gemusterten Bistrostühlen an kleine, runde Tische lockten, und recherchierte für meine Artikel. Ein Grand Crème und ein Croissant machten meist den Anfang. Von meinem bevorzugten Platz aus hatte ich einen guten Überblick über das Geschehen in beiden Straßen und konnte an so herrlichen Tagen dem Stand der Sonne folgen, indem ich einfach meine Blickrichtung änderte.
Auf der Caféterrasse gegenüber war mir eine junge Frau aufgefallen, die ebenso wie ich die Frühlingssonne genoss. Mit ihrem langen haselnussbraunen Haar und der schlanken Figur erinnerte sie mich an Emily die ich einst ebenfalls auf einer Caféterrasse kennengelernt hatte. Ich weiß nicht, ob ich zu oft oder zu offensichtlich zu ihr herüberschaute, auf jeden Fall erwiderte sie irgendwann ganz unverhohlen meine Blicke. Sie schenkte mir das bezauberndste Lächeln, das ich mir auch nur vorstellen konnte.
Die Schöne von Gegenüber
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