Die Thurgauerin

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Die Thurgauerin

Die Thurgauerin

Anita Isiris

Frau Rubens, ruhen Sie sich aus, gönnen Sie sich hier im Spital ein Abendessen, bleiben Sie ab Mitternacht nüchtern, Wasser trinken dürfen Sie noch, wir operieren Sie morgen um 08:00 Uhr. Schlafen sie gut“: Mit diesem Worten verabschiedete sich der Chirurg, und er stellte erst unter der Tür fest, wie trocken sein Hals war. Diese Patientin war eine wahre Liebesoase! Dann rief er Serino zu sich und legte draussen im Korridor den Arm um ihn. „Rasiere sie gut, Bimbo, hast Du gehört? Die Schwestern haben Dir doch bestimmt gezeigt, wie das geht“, sagte er mit dem Unterton aufkommender Hitze.

Zwei Stunden später schob Serino einen Rollwagen mit einer Arbeitsfläche in Hannas Zimmer, auf dem sich nebst einem Blutdruckmessgerät und einem Ohr-Thermometer die Utensilien für eine präoperative Intimrasur befanden: Eine Wegwerf-Unterlage fürs Schamhaar. Mehrere Klingen. Ein Ölfläschchen. Ein Abwurfsack. Zwei Nierenschalen. Händedesinfektionsmittel. Ein Plastikbehältnis für die Rasierklinge.

Hanna schob sich gerade die letzte Gabel mit Teigwaren in den Mund, sozusagen ihre, wenn auch bescheidene, Henkersmahlzeit vor der OP am Folgetag, während ihr Mann Viktor zum Fenster hinausschaute und die zahlreichen von der Abendsonne beschienenen Apfelbäume bewunderte. „Ich muss Sie auf die OP vorbereiten“, sagte Serino scheu und suchte mit seinem Blick den Boden ab. Es war nicht das erste Mal, dass er eine Frau rasierte, denn Dr. Brenner bestand auch dann auf einer Intimrasur, wenn er eine Patientin am Ohrläppchen hätte operieren müssen. Serino wartete höflich, bis Hanna ihren letzten Bissen geschluckt hatte, dann räumte er ihr Plateau mit dem Abendessen zur Seite und stellte es auf den Tisch. Die Abendsonne beschien nun auch Hannas Bettdecke. „Muss das...“, fragte sie und streifte mit ihrem Blick das Material, das Serino ins Zimmer geschoben hatte. „Ja, Dr. Brenner verlangt das so“, entgegnete der dunkelhäutige Junge und wusch sich gründlich die Hände.

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