Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Marijana spürte das raue Leinenhemd auf ihrer Haut und die unnachgiebige Härte seines Brustkorbs. Sein Herz schlug ruhig und langsam, ein krasser Gegensatz zu ihrem eigenen, das gegen ihre Rippen hämmerte. Die schwüle Hitze zwischen ihren Körpern war fast greifbar. Sie hörten das ferne, metallische Rasseln der Ketten und das rücksichtslose Knacken von berstendem Holz, als die Eindringlinge sich ihren Weg durch den heiligen Wald bahnten.
Als das Geräusch langsam in der Ferne verhallte, nahm Julio die Hand von ihrem Mund, ließ sie aber nicht los. Er starrte in die Richtung, in die die Spuren führten.
„Ich muss sie aufhalten“, sagte er. Es war kein Vorschlag, es war ein Urteil. Er griff nach dem Schaft seines Gewehrs, das er bisher nur auf dem Rücken getragen hatte. Marijana sah in sein Gesicht. Der Ausdruck in seinen Augen war nun völlig verändert – die Melancholie des Aussteigers war einer eiskalten, professionellen Tödlichkeit gewichen. Sie wusste, dass er nicht vorhatte, mit diesen Männern zu verhandeln oder sie anzuzeigen. Er würde dafür sorgen, dass sie den Sektor 7 nie wieder verlassen.
„Julio…“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte. „Das sind viele. Du kannst nicht einfach…“
„Ich werde tun, was nötig ist, um diesen Ort zu schützen“, unterbrach er sie, ohne sie anzusehen. „Die verstehen keine andere Sprache.“
Die Gefahr war nun nicht mehr nur die Natur, sondern die menschliche Gewalt, die in ihr Paradies eingebrochen war. Julios Körper war wie eine gespannte Feder, bereit zur Entladung. Die körperliche Spannung zwischen ihnen verwandelte sich in diesem Moment: Weg von der zaghaften Erotik, hin zu einer existenziellen Bindung. Sie war die Zeugin seines Krieges, und er war ihr einziger Schutz.
Julio drückte sie sanft, aber mit unnachgiebiger Kraft in eine kühle, mit Farnen überwucherte Felsspalte.

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