Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Eine Sekunde lang brannte eine Leidenschaft auf, die heißer war als die Mittagssonne über dem Sumpf.
Dann riss er sich los. Sein Atem ging stoßweise, und in seinen Augen loderte ein Feuer, das nichts mit seinem Auftrag zu tun hatte. Er sagte kein Wort mehr. Mit einer fließenden Bewegung drehte er sich um und wurde eins mit dem Farn.
Marijana blieb zurück, den Geschmack von ihm auf den Lippen und den schweren Revolver in der zitternden Hand. Die Stille des Dschungels legte sich wieder über sie, unterbrochen nur vom fernen, bedrohlichen Dröhnen der Motoren in Sektor 7.
Jede Sekunde in der feuchten Felsspalte fühlte sich an wie ein endlos langsames Tropfen von heißem Wachs auf nackter Haut. Die vier Stunden waren verstrichen, zerfressen von der Ungewissheit und dem fernen, trockenen Peitschen der Schüsse, die das grüne Schweigen des Sektors 7 zerrissen hatten. Marijana klammerte sich an den Revolver, als wäre er der einzige Anker in einer Welt, die gerade im Chaos versank. Das Metall war längst feucht von ihrem Schweiß, und der schwere Geruch von moderndem Laub schien sie zu ersticken.
Als das Echo des letzten Schusses verhallte, wurde die Stille unerträglich. Sie war absolut. Kein Vogel rief, kein Affe brüllte – als würde der Dschungel selbst den Atem anhalten. Marijana wartete. Fünf Stunden. Sechs. Die Schatten der Farne krochen wie dunkle Finger über den Boden, und die Hoffnung in ihrer Brust begann zu verkohlten Überresten zu zerfallen. Mit verheulten Augen und zitternden Knien zwang sie sich schließlich auf. Julios Worte hallten in ihrem Kopf: Folgen Sie dem Bachlauf abwärts. Schauen Sie nicht zurück.
Sie stolperte aus der Spalte, die Sicht verschwommen von ihren Tränen, den Revolver noch immer fest umklammert. Die Zivilisation, ihre Karriere, die Ruinen – all das bedeutete nichts mehr.

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