Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Der Name traf ihn wie ein Peitschenknall. Er rührte sich nicht, aber jede Sehne in seinem Körper spannte sich an. Er kannte diese Stimme nicht. Sie war weich, kultiviert und passte so gar nicht in diesen Schmutz. Er drehte den Kopf nur ein Stück. Neben ihm stand eine Frau, die wie eine Halluzination wirkte. Sie trug funktionale Khakikleidung, die jedoch zu sauber war, und ihr Haar war streng zurückgebunden, doch ein paar dunkle Strähnen hatten sich in der schwülen Hitze bereits gelöst und klebten an ihrem Nacken. Ihre Augen waren das Interessanteste an ihr: ein tiefes, intelligentes Bernstein, das ihn ohne Angst musterte.
„Ich bin Kunsthistorikerin. Mein Name ist Marijana“, sagte sie leise. „Und ich weiß, dass Sie der Einzige sind, der die ‚Route der Tränen‘ noch finden kann.“
Julio lachte nicht, aber ein verächtliches Zucken lief über seine Mundwinkel. Er nahm einen weiteren tiefen Schluck Bier, bevor er antwortete: „Die Zivilisation hat schon genug zerstört, Schätzchen. Gehen Sie zurück in Ihr Museum, bevor der Dschungel Sie bei lebendigem Leib auffrisst.“
Julio setzte die Flasche mit einem harten Knall auf den Tresen. Er drehte sich nun ganz zu ihr um, die breiten Schultern wie eine Mauer gegen das bunte Treiben der Bar abgeschirmt. Sein Blick wanderte langsam an ihr herunter – nicht mit der lüsternen Gier der anderen Männer im Raum, sondern mit der kühlen Präzision eines Jägers, der eine Beute taxiert, die sich in sein Revier verirrt hat.
„Marijana“, wiederholte er ihren Namen, als wäre es ein Fremdwort, das auf seiner Zunge bitter schmeckte. „Und wie weiter? Keine seriöse ‚Kunsthistorikerin‘ stellt sich nur mit ihrem Vornamen vor. Vor allem nicht bei einem Mann, von dem sie weiß, dass er am liebsten allein gelassen wird.“
Marijana zuckte nicht zurück.

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