Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Ihre Finger bebten so stark, dass sie die Hülse fast fallen ließ. Die schwüle Hitze in der Spalte schien ihr die Kehle zuzuschnüren.
„Ich... ich kann das nicht, Julio. Das ist Wahnsinn“, flüsterte sie, während ihr Tränen der Überforderung in die Augen stiegen.
„Sie müssen“, erwiderte er unnachgiebig. Er packte ihr Handgelenk, zog sie zu sich herab, bis ihr Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt war. Er roch nach Eisen, verbranntem Pulver und dieser männlichen, herben Note, die sie seit Tagen berauschte. „Schneiden Sie die Kugel vorsichtig heraus. Dann das Pulver in die Wunde. Und dann... das Feuer.“
Mit letzter Kraft zwang Marijana sich zur Konzentration. Sie reinigte die Klinge in der Flamme der Lampe. Das Metall glühte kurz auf, ein böses, oranges Auge in der Dunkelheit. Als sie das Messer zum ersten Mal ansetzte, stieß Julio ein unterdrücktes Knurren aus, das tief aus seiner Brust kam. Sie spürte, wie jeder Muskel seines Körpers unter ihren Händen zu Stein wurde.
Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten. Der Schweiß rann ihr von der Stirn und tropfte auf seine Haut, während sie mit einer chirurgischen Präzision arbeitete, die sie sich nie zugetraut hätte. Als die kleine Bleikugel schließlich mit einem metallischen Ping auf den Steinboden fiel, zitterte sie am ganzen Körper.
„Gut“, keuchte er, sein Kopf fiel gegen die Felswand zurück. „Jetzt das Pulver.“
Marijana zog das Projektil aus der Hülse und streute das graue, körnige Schießpulver direkt in die klaffende, rote Tiefe seiner Schulter. Es fühlte sich an wie eine Entweihung. Sie wusste, was gleich kommen würde.
„Nehmen Sie das Feuerzeug“, befahl er, die Augen fest geschlossen.
Sie hielt den brennenden Stab an die Wunde. In dem Moment, als der Funke das Pulver berührte, gab es ein kurzes, helles Zischen und eine kleine Stichflamme.

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