Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die enge Spalte. Julio schrie nicht. Er bäumte sich auf, sein Rücken wölbte sich vom Fels weg, und seine Finger krallten sich so fest in Marijanas Oberschenkel, dass sie sicher war, blaue Flecken davonzutragen. Dann sackte er in sich zusammen. Sein Atem ging in kurzen, rasselnden Stößen. Marijana warf das Feuerzeug weg und schlang ihre Arme um ihn, um seinen Sturz abzufangen. Sie hielt ihn fest, presste ihr Gesicht an seine unverletzte Schulter und weinte lautlos vor Erleichterung und Entsetzen.
Julio hob langsam den Kopf. Die Qual in seinen Augen war noch da, aber sie wurde von etwas anderem überlagert – einem dunklen, alles verzehrenden Hunger. Er sah sie an, sah ihre Tränen und die Entschlossenheit in ihrem Blick. Die Gefahr war gebannt, doch die Spannung zwischen ihnen war nun kurz vor dem Bersten.
Der Regen hatte nachgelassen, hinterließ aber ein unaufhörliches Tropfen von den massiven Farnwedeln, das wie ein langsamer Metronom gegen den Stein schlug. In der Enge der Felsspalte war die Luft dick von der Feuchtigkeit und dem metallischen Geruch des verbrannten Pulvers. Marijana hatte mit zitternden Händen einen breiten Streifen aus dem Saum ihrer Bluse gerissen. Das Geräusch des reißenden Stoffes war in der Stille fast so laut wie ein Schuss gewesen. Vorsichtig, fast ehrfürchtig, hatte sie das improvisierte Band um seine massive Schulter gewickelt. Julio hatte kaum noch Widerstand geleistet; die Tortur hatte ihm die letzte Kraft geraubt. Sein Kopf war schließlich schwer in ihren Schoß gesunken, seine Züge im Schlaf seltsam friedlich, befreit von der Maske des unnahbaren Jägers. Die ganze Nacht über hatte sie gewacht. Ihre Gefühle waren ein reißender Strom: Die Angst um ihn, die Wut auf seine rücksichtslose Art und dieses neue, beängstigende Verlangen, das wie ein Nachbeben durch ihren Körper raste.
Die verbotene Route
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Die verbotene Route
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