Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Sie kehrten nicht einfach nur zurück; sie trugen den Dschungel nun in sich. Marijana hatte das Protektorat für Sektor 7 gesichert, und die „Schwarze Hand“ wurde durch die internationalen Behörden vertrieben. Doch sie kehrte nie ganz in ihr Museum zurück.
Man erzählte sich später in Puerto Sombras Legenden über einen Mann mit einem Safari-Hut und eine Frau mit Bernsteinaugen, die tief im unkartierten Hinterland lebten. Sie wurden zu den Schattenwächtern von Xibalba-Osh und den schwarzen Jaguaren. Die „verbotene Route“ war für sie zum einzigen Weg geworden, der noch zählte – ein Pfad, der nicht mehr aus Stein bestand, sondern aus der unzertrennlichen Einheit zweier Seelen, die sich im Herzen der grünen Hölle gefunden hatten.

Epilog: Die Hüter von Xibalba-Osh
Die Mittagssonne brannte nicht mehr so unbarmherzig wie früher, oder vielleicht hatte Marijana sich einfach an ihre schwere, goldene Last gewöhnt. In der kleinen, aus Zedernholz und Lehm errichteten Hütte am Rande der Ruinen roch es nach frischem Kaffee, getrockneten Kräutern und der kühlen Feuchtigkeit des nahen Wasserfalls.
Marijana saß auf der Veranda und korrigierte die letzten Notizen für den jährlichen Bericht des Protektorats. Ihr Haar war kürzer geschnitten, praktischer für das Leben im Dickicht, doch ihre Augen leuchteten in einem Bernstein, das tiefer war als je zuvor. Sie blickte auf, als sie das rhythmische Schlagen einer Machete im Unterholz hörte.
Julio trat aus dem grünen Schatten. Er trug noch immer seinen alten, verblichenen Safari-Hut, doch sein Gesicht wirkte nicht mehr wie aus Stein gehauen. Die tiefen Furchen um seinen Mund waren weicher geworden. Er legte ein Bündel seltener Heilpflanzen auf den Tisch und trat hinter sie. Ohne ein Wort zu sagen, legte er seine großen, schwieligen Hände auf ihre Schultern.
Marijana lehnte ihren Kopf zurück gegen seine Brust. Sie spürte die Wärme seines Körpers durch das dünne Leinenhemd und den festen, ruhigen Schlag seines Herzens. Es gab kein Verlangen mehr, das sich mühsam hinter Barrieren verstecken musste. Ihre Einheit war so selbstverständlich geworden wie das Atmen des Waldes um sie herum.
„Die Jaguare sind heute Nacht am Bachlauf gewesen“, sagte er leise, seine Stimme ein tiefes, vertrautes Grollen an ihrem Ohr. „Die Mutter mit den zwei Jungen. Sie sind sicher.“
Marijana lächelte und legte ihre Hand auf die seine. Sie dachte kurz an ihr altes Leben zurück – an die klimatisierten Hörsäle, die sterilen Museen und die Einsamkeit der Zivilisation. Es fühlte sich an wie ein Traum, der einer Frau gehörte, die sie längst nicht mehr war.
Sie hatten die „verbotene Route“ nicht nur gefunden, sie waren sie bis zum Ende gegangen. Hier, im Schatten der Götter aus Stein und unter dem Schutz der schwarzen Jaguare, hatten sie ihre eigene Wahrheit gefunden. Sie waren keine Getriebenen mehr, sondern die Wächter eines Paradieses, das die Welt fast vergessen hatte.
Als die Dämmerung einsetzte und das ferne Brüllen der Affen den Abend ankündigte, löschte Julio die kleine Lampe auf dem Tisch. Er zog Marijana sanft zu sich heran, und in der vertrauten Dunkelheit ihrer Hütte, weit abseits jeder Karte, begann für sie jede Nacht eine neue Reise, die keine Grenzen mehr kannte.

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