Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Julio beobachtete sie aus dem Schatten seiner tief ins Gesicht gezogenen Krempe. Sein alter Safari-Hut war von unzähligen Regengüssen und der bleichenden Sonne gezeichnet, das Material steif von eingetrocknetem Salz und Staub. Er bot ihm die Anonymität, die er brauchte, während er Marijana taxierte.
Er registrierte die Art, wie sie die Seile am Boot festzog – nicht ungeschickt, aber mit der Vorsicht einer Frau, die die tückische Strömung des Flusses bisher nur aus Lehrbüchern kannte. Ihr Gesicht war im fahlen Vorlicht der Dämmerung blass, die Lippen fest zusammengepresst. Er sah ihre Jugend, die ungebrochene Ausstrahlung und diese seltsame Mischung aus akademischer Arroganz und echtem Mut.
Julio unterdrückte den flüchtigen Gedanken an ein anderes Gesicht, eine andere Zeit – eine Erinnerung, die er tief im feuchten Boden des Dschungels vergraben hatte. Für ihn war Dr. Vance ein Mittel zum Zweck. Ein notwendiges Übel, um seinen Wald zu retten. Er korrigierte den Sitz seines Hutes, dessen Schatten seine Augen in tiefe Dunkelheit hüllte, und stieß das Boot mit einer kräftigen Bewegung vom Steg ab.
Als sie schließlich in die grüne Wand des Urwalds eintauchten, schluckte die schwüle Hitze das letzte bisschen Zivilisation. Julio steuerte das Boot sicher durch die tückischen Sandbänke. Marijana saß im Bug, den Blick starr nach vorne gerichtet. Gelegentlich streiften sich ihre Blicke, wenn er den Außenborder korrigieren musste. Er bemerkte, wie der Schweiß ihren Nacken hinunterlief und ihr Khaki-Hemd zwischen den Schulterblättern dunkel färbte. Die körperliche Spannung war da, wie das ferne Grollen eines heraufziehenden Gewitters – noch nicht entladen, aber in der schweren, feuchten Luft greifbar. Doch Julio konzentrierte sich nur auf die Schatten der Brüllaffen in den Baumkronen und das rhythmische Tuckern des Motors.

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