Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

„Passen Sie auf, wo Sie hintreten. Der Dschungel verzeiht keine Unaufmerksamkeit.“
Julio ging voraus und schlug mit rhythmischen, kraftvollen Hieben eine Schneise in das Dickicht. Die schwüle Hitze staute sich unter dem Blätterdach wie in einem Gewächshaus. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde man warmes Wasser einatmen. Julio spürte, wie der Schweiß an seinem Rücken herunterlief und seinen Gürtel tränkte, doch er hielt das Tempo hoch. Nach einer Stunde erreichten sie eine steile Böschung, die durch einen Erdrutsch aufgerissen worden war. Der einzige Weg nach oben führte über ein Gewirr aus rutschigen Wurzeln und losem Gestein. Julio kletterte behände hinauf, seine Muskeln spielten unter der gegerbten Haut, jede Bewegung war perfekt koordiniert. Oben angekommen, drehte er sich um. Marijana war auf halbem Weg, ihr Gesicht war hochrot, eine Strähne ihres dunklen Haares klebte quer über ihrer Wange. Sie rutschte ab, ihre Fingernägel krallten sich vergeblich in den feuchten Boden. Ohne ein Wort zu sagen, legte Julio sich flach auf den Bauch und streckte ihr seinen Arm entgegen.
„Geben Sie mir Ihre Hand“, befahl er.
Als ihre Finger seine umschlossen, war der Kontrast extrem: Ihre Hand war klein, zitternd vor Anstrengung, seine groß, schwielig und unnachgiebig wie Stein. Er zog sie mit einer einzigen, fließenden Bewegung zu sich herauf. Für einen Herzschlag lag sie direkt auf ihm, ihr Körper gegen seinen gepresst, ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt. Er roch den Jasmin ihres Parfüms, der jetzt schwer und süß mit dem Geruch von Erde und Regen verschmolz.
Seine Augen fixierten ihre Lippen, die leicht geöffnet waren, um nach Luft zu ringen. Die unterdrückte Erinnerung an die Weichheit einer Frau drohte wie eine Flutwelle über ihn hereinzubrechen.

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