Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Die Stunden vergingen wie ein zäher, grüner Albtraum. Der Boden unter ihren Füßen gab nach, verwandelte sich in einen tückischen Sumpf, der bei jedem Schritt mit einem saugenden Geräusch nach Marijanas Stiefeln griff. Die Moskitos schwirrten in aggressiven Wolken um ihre Köpfe, ignorierten das wirkungslose Repellent und stachen durch den dünnen Stoff ihres Hemdes, bis ihre Haut brannte.
Julio marschierte unerbittlich weiter. Sein breiter Rücken, gezeichnet von den Riemen des schweren Rucksacks, war das Einzige, an dem sie sich festhalten konnte. Er schien eins mit dem Dickicht zu sein, während sie über jede Wurzel stolperte.
Plötzlich erstarrte Julio. Er hob die Hand – ein lautloses Kommando, das Marijana augenblicklich einfrieren ließ. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel. Ein tiefes, vibrierendes Knurren drang aus dem Unterholz, so tief, dass sie es eher im Magen als in den Ohren spürte. Dann schob sich ein massiger Schatten aus dem Farn. Ein Jaguar. Das gefleckte Fell glänzte wie flüssiges Gold im gefilterten Licht, die bernsteinfarbenen Augen fixierten sie mit einer tödlichen Ruhe.
Marijana spürte, wie die Todesangst ihre Glieder lähmte. Sie wollte schreien, rennen, doch ihre Stimme war wie weggewischt.
Julio rührte seine Waffe nicht an. Er nahm langsam den Safari-Hut ab, machte sich ganz groß und stieß ein tiefes, kehliges Geräusch aus, das fast wie das Echo des Jaguars klang. Er sprach nicht zu dem Tier, er kommunizierte mit ihm auf einer Ebene, die Marijana nicht verstand. Er trat einen winzigen Schritt vor, seine Präsenz nahm den gesamten Raum ein. Der Jaguar fixierte ihn, die Ohren flach angelegt. Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten. Dann, mit einem letzten, verächtlichen Schnauben, wandte sich die Raubkatze ab und verschmolz lautlos mit dem Grün.

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