Die verbotene Route

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Die verbotene Route

Die verbotene Route

Jürgen Lill

Die Luft in der Küstenstadt Puerto Sombras war wie eine nasse, schmutzige Decke, die sich über die Lungen legte. Julio hasste diesen Ort. Der Gestank von verrottendem Fisch, billigem Diesel und zu vielen Menschen, die alle etwas wollten, biss ihm in der Nase. Er strich sich den Staub vom zerschlissenen Hemd und den Hosenbeinen und korrigierte den Sitz des schweren Rucksacks. Eigentlich war er nur hier, weil der Dschungel ihn nicht mit allem versorgte. Er brauchte Munition, um die Wilderer fernzuhalten, die mit ihren Fallen die Jaguare töteten oder verstümmelten, und ein paar Ersatzteile für seine Wasseraufbereitung. In der Tasche seiner Cargohose fühlte er das kleine Säckchen mit den Rohdiamanten – kleine, unscheinbare Steine, die er vor Monaten in einem Bachlauf tief im unkartierten Hinterland gefunden hatte. Für die Zivilisation waren sie ein Vermögen wert; für ihn waren sie lediglich der Preis für seine Ruhe.
Sein Weg führte ihn direkt in die „Cantina de la Luna“, ein dunkles Loch, das nach altem Rauch und verschüttetem Rum roch. Hier wurde nicht gefragt, wer man war, solange man bezahlen konnte. Julio setzte sich an das hintere Ende des Tresens, den Rücken zur Wand.
„Ein Bier. Kalt“, sagte er. Seine Stimme klang rau, wie Schleifpapier auf Holz, ungeübt nach Wochen des Schweigens. Als die beschlagene Flasche vor ihm stand, schloss er für einen Moment die Augen. Die Kälte, die in seine Handflächen zog, war der einzige Luxus, den er sich zugestand. Der erste Schluck war eine Offenbarung – die bittere Kohlensäure spülte den Geschmack von Staub und Abgasen weg. Er beobachtete die Gäste durch den Schleier seiner Wimpern: Glücksritter, verzweifelte Händler und Touristen, die glaubten, ein Abenteuer zu erleben, während sie in klimatisierten Bussen saßen.
„Julio?“

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