Wahrscheinlich wäre es dann wieder gegangen. Doch stattdessen hielt ich ihn. Weil ich fühlte, dass unter der geordneten Fassade dieser Situation mehr lag – etwas Ungeordnetes, Drängendes, das sich nicht so leicht in die gewohnten Bahnen lenken ließ.
Und zu meiner eigenen, stillen Verwunderung stellte ich fest, dass ich nicht den Wunsch hatte, es sofort zu beruhigen. Ich wollte meine Kontrolle der Situation nutzen, um es kennenzulernen.
„Darf ich?“ fragte er und deutete auf den freien Stuhl an meinem Tisch.
Ich nickte bestimmt.
Kaum saß er da, veränderte sich die Luft zwischen uns. Nicht sichtbar, eher spürbar – als hätte sich die Temperatur um ein kaum wahrnehmbares Maß erhöht. Ich bemerkte, wie ich gerader saß, wie sich meine Schultern unmerklich spannten, als würde ich mich an einer Linie ausrichten, die nur wir beide sehen konnten.
„Sie wirken nicht wie jemand, der sich leicht ablenken lässt“, sagte er.
„Und Sie wirken nicht wie jemand, der es nicht trotzdem versuchen würde“, entgegnete ich. „Schließlich hoffen Sie ja gerade darauf, dass ich mich ablenken lasse.“
Ein leises Lachen. Diesmal hörbar. Es blieb nicht im Raum, sondern schien sich auf meiner Haut abzusetzen. Ich wusste plötzlich sehr genau, wie nah er mir war. Dass eine kleine Bewegung meiner Hand genügt hätte, um seine zu berühren. Dass zwischen unseren Fingern bereits etwas lag, das noch keine Berührung war und doch schon wie eine funktionierte: eine Spannung, ein kaum sichtbarer Streifen, ein Vorgriff auf etwas, das noch nicht geschehen war.
„Entschuldigen Sie“, sagte er leise.
„Nichts zu entschuldigen“, antwortete ich, und meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte.
Dann lehnte er sich ein wenig vor und sagte, fast beiläufig, als spräche er über das Wetter oder den Kaffee: „Ich wohne übrigens gleich nebenan.“
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