Die Wartende

Kaffeehausgeschichten

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Die Wartende

Die Wartende

Leni Trattner

Ich sah ihn an. Suchte in seinem Gesicht nach Dringlichkeit, nach Kalkül, nach einem Zeichen dafür, dass er diese Nähe absichtlich so setzte. Doch ich fand nur dieselbe ruhige Offenheit, die mich von Anfang an festgehalten hatte.
„Das ist praktisch“, sagte ich, mehr um mir selbst einen Moment zu verschaffen als aus wirklichem Interesse.
„Ja“, erwiderte er. Eine Pause. „Man muss nicht weit gehen.“
Da war sie, die unausgesprochene Einladung. Kein Druck, keine Hast – gerade das machte sie gefährlicher. Ich spürte meinen Herzschlag, gleichmäßig und doch zu wach, und darunter diese andere Bewegung, tiefer, unruhiger, die sich nicht länger wegdenken ließ.
Ich wusste genau, was ich normalerweise gesagt hätte.
Und ich wusste ebenso genau, dass ich es diesmal nicht tun würde.
„Nur ein paar Schritte?“, fragte ich schließlich.
Er nickte.
Ich erhob mich schon, bevor ich mir selbst eine andere Möglichkeit geben konnte.
„Das will ich sehen.“
Der Weg war tatsächlich kurz. Zu kurz vielleicht, um noch einmal wirklich nachzudenken. Die Kälte der Luft draußen erreichte mich kaum, als hätte sich meine Wahrnehmung bereits nach innen verlagert, dorthin, wo sich alles bündelte, enger wurde, drängender.
Im Stiegenhaus roch es nach Stein und einem Hauch von Reinigungsmittel. Ein nüchterner Geruch, der in seltsamem Gegensatz zu dem stand, was sich in mir aufbaute. Ich hörte seine Schritte hinter mir, gleichmäßig, ruhig, und war mir doch bei jeder Stufe bewusst, wie nah er war. Zu nah, um noch unverbindlich zu sein.
Kaum hatte sich die Tür seiner Wohnung hinter uns geschlossen, veränderte sich etwas Grundlegendes. Es war, als fiele eine letzte, dünne Schicht von Zögern ab, lautlos, aber unwiderruflich.
Ich wandte mich zu ihm um, ohne genau zu wissen, ob ich es war, die diesen ersten Schritt machte, oder ob er mich längst dazu gebracht hatte.

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