Die Wartende

Kaffeehausgeschichten

12 7-12 Minuten 0 Kommentare
Die Wartende

Die Wartende

Leni Trattner

Ich verlor das Gefühl für Zeit. Für alles, was außerhalb dieses Moments lag.
Es gab nur noch dieses stetige Steigern, dieses unaufhaltsame Näherkommen an einen Punkt, den ich nicht mehr hinauszögern konnte – und auch nicht wollte. Ich hielt ihn fest, bewegte mich mit ihm, gegen ihn, ganz in diesem gemeinsamen Takt, der sich längst verselbstständigt hatte.
Als ich schließlich kam, traf es mich mit einer Wucht, die mich für einen Moment vollkommen aus mir selbst herauslöste. Mein Körper spannte sich, hielt inne, und dann löste sich alles auf einmal – in Wellen, die durch mich hindurchgingen, mich erschütterten, mir den Atem nahmen.
Ich presste mich an ihn, suchte Halt, während ich noch nachklang, während die Intensität langsam abebbte, ohne ganz zu verschwinden. Meine Beine zitterten leicht, mein Puls war viel zu schnell, und ich spürte noch immer jede einzelne Stelle, an der er mich berührt hatte.
Für einen Moment konnte ich nichts sagen.
Ich lehnte mich an ihn, schloss die Augen und atmete tief ein.
Und wusste, noch während mein Körper sich langsam beruhigte, dass genau das der Grund gewesen war, warum ich mitgegangen war.

Es dauerte eine Weile, bis sich mein Atem wieder gleichmäßiger anfühlte. Ich lag noch immer nah bei ihm, spürte die Wärme seiner Haut, den langsamen Rhythmus, in den sein Körper zurückgefunden hatte. Die Dringlichkeit von eben war verschwunden, beinahe vollständig, und hatte einer angenehmen, stillen Erschöpfung Platz gemacht.
Er strich mir einmal über den Rücken, ohne Eile, ohne eine neue Absicht darin. Eine Geste, die mehr nachklang als etwas auslöste.
„Du bist also jemand, der wartet“, sagte er schließlich, seine Stimme leiser jetzt, weniger gespannt.
Ich lächelte leicht, ohne die Augen zu öffnen. „Offenbar nicht immer.“
Ein kurzer Moment Stille folgte. Kein unangenehmes Schweigen – eher eines, das sich ausbreitete, weil nichts Dringendes mehr gesagt werden musste. Ich löste mich ein wenig von ihm, setzte mich auf, griff nach meinem Kleid, das halb vom Bett gerutscht war, und strich den Stoff glatt, mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit.
„Machst du das oft?“, fragte ich dann, fast beiläufig.
Er verstand sofort, was ich meinte. „Nein“, sagte er. „Nicht oft.“
Ich nickte, obwohl diese Antwort nichts erklärte. „Ich auch nicht.“
„Ich sollte wahrscheinlich gehen“, sagte ich, ohne dass es wie eine Flucht klang.
Er nickte. „Ja. Wahrscheinlich.“
Kein Bedauern lag darin. Aber auch kein Versuch, mich zu halten.
Als ich mich anzog, musste ich unwillkürlich lächeln – ein breites, offenes Lächeln, das ich nicht zurückhalten konnte.
Nicht wegen ihm.
Sondern wegen mir.
An diesem Tag war nicht ich die Wartende.
Sie musste auf mich warten. Lange genug, um mir später mehrere Nachrichten zu schicken, erst belustigt, dann leicht genervt. Ich las sie erst, als ich schon wieder auf der Straße war, mit noch warmem Körper und diesem eigentümlichen Nachhall unter der Haut, der sich nicht so schnell vertreiben ließ.
„Entschuldige, ich bin gleich da!“
Damals habe ich diese Nachricht geschickt, jetzt lese ich sie von ihr. Ich sehe sie an, schüttle kaum merklich den Kopf und lege es wieder zur Seite. Vor mir steht eine frische Melange, der Löffel lehnt wie zuvor am Rand der Untertasse.
Ich warte noch immer nicht gern.
Aber ich kann ihr nicht wirklich böse sein.
Dafür hat es mir einmal zu viel gebracht.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 519

Weitere Geschichten aus dem Zyklus:

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben