Die Wartende

Kaffeehausgeschichten

6 7-12 Minuten 0 Kommentare
Die Wartende

Die Wartende

Leni Trattner

Ich bin immer zu früh. Nicht aus Höflichkeit, wie ich mir gelegentlich selbst einrede, sondern aus einer schwer erklärbaren Unfähigkeit heraus, andere warten zu lassen. Es ist eine Form von innerer Unruhe, die sich erst beruhigt, wenn ich bereits am vereinbarten Ort sitze, sauber sortiert und so gesammelt, als hätte ich mich und meine Zeit fest im Griff – noch bevor die andere Person überhaupt daran denkt, zu erscheinen.
Daher bin ich auch heute zu früh.
Das Kaffeehaus ist an diesem Vormittag von jener trägen Geschäftigkeit erfüllt, die Wien so meisterhaft kultiviert. Ein leises Klirren von Porzellan, das gedämpfte Murmeln fremder Gespräche, der Geruch von starkem Kaffee, vermischt mit einem Hauch abgestandener Luft und dem schwer fassbaren Aroma vielbenutzter Polstermöbel – alles scheint in einer eigenen, leicht überhitzten Zeit zu treiben. Ich rühre in meiner Melange, obwohl sich der Zucker längst aufgelöst hat, und beobachte, wie an der Oberfläche eine kleine, nutzlose Strömung entsteht.
Als mein Telefon aufleuchtet, weiß ich bereits, was dort stehen wird, noch bevor ich es in die Hand nehme. „Bin ein bisserl zu spät dran, sorry!“ Natürlich ist sie das. Sie ist es immer. Und ich bin immer die, die wartet – geschniegelt, pünktlich, mit einer Geduld, die mehr mit Gewohnheit als mit Großzügigkeit zu tun hat. Ich lege das Telefon wieder neben die Untertasse und atme langsam aus.
Es überrascht mich nicht. Es überrascht mich schon lange nicht mehr. Und ich rege mich auch nicht auf. Denn ich habe es so gewollt. Und habe auch gelernt, dass Warten manchmal sehr lustvoll sein kann.
Wie an jenem Tag – dem einzigen Tag, an dem ich zu einem Treffen zu spät kam. Zumindest in ihrer Sichtweise.
Denn ich war, wie immer, zu früh da. Wartete, wie immer.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 211

Weitere Geschichten aus dem Zyklus:

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben