II.
Christine wohnte in ihrem Atelier oder arbeitete in ihrer Wohnung – ganz wie man es sah. Eine ehemalige Fabriketage, umgebaut zu einer Loft, in der es sich leben ließ: große Fenster, Parkettfußboden, viel Chrom und Stahl, eine kleine Küchenecke, ein ebenso kleiner Sanitärbereich, ein großer Schreibtisch, auf dem sich Fotos, Kameras und Kamerazubehör stapelten – und mitten drin ein großes, baldachinbewehrtes Bett.
„Herzlich willkommen!„ sagte sie, nachdem die Tür hinter uns ins Schloss gefallen war. „Hier lebe ich.„
„Nicht schlecht„, antwortete ich bewundernd. „Scheint so, als könne man ganz gut verdienen mit der Fotografiererei.„
„Es geht so„, lachte sie. „Man lebt ...„ Mit einer lässigen Bewegung legte sie den Mantel ab und warf ihn über einen etwas deplaziert wirkenden Ohrensessel. Und – als fordere sie mich auf den Fernseher anzumachen oder Musik aufzulegen – sagte sie dann: „Zieh dich schon mal aus ... ich hol nur schnell die Kamera!„ – und verschwand in einem kleinen Kabuff am anderen Ende des Raumes ...
Da stand ich nun. Worauf hatte ich mich da eingelassen? „Zieh dich schon mal aus!„ Wie eine Sprechstundenhilfe beim Arzt: „Machen Sie sich schon mal frei!„ Der leichte Anflug von Erregung, den ich von der Party meines Bekannten hinübergerettet hatte in diese Situation, war schlagartig verflogen. In meiner Hose regte sich – nichts. Und SIE wollte meine Männlichkeit fotografieren! Na prima!
Verschämt sah ich mich um. Keine Umkleidekabine, keine spanische Wand, hinter der ich hätte verschwinden können (ich hatte auch nicht wirklich damit gerechnet!), nur dieser große Raum, das riesige Bett – und ich. Ich überlegte ernsthaft zu kneifen. Zu absurd war das Ganze. Aber dann wollte ich mir doch keine Blöße geben. Ich hatte eingewilligt – nun blieb mir nichts anderes übrig, als das alles durchzustehen.
Von „Stehen„ konnte freilich keine Rede sein.
Die Fotografin
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Die Fotografin
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