Die Hände

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Die Hände

Die Hände

Sandro Armesani

"A ganz a Wilde", sei meine Mutter. "Aber noch recht fesch für ihr Alter", Karls Grinsen ist schmierig. Meine Mutter habe dem Karl tatsächlich einen Besuch abgestattet. Als Furie wäre sie gekommen - und als Lamm gegangen, erklärt der Karl. Er habe ihr versprochen, innerhalb der nächsten zwei Wochen die CD fertig zustellen. Ich hätte den versöhnlichen Blick meiner Mutter sehen sollen, ergänzt der Karl, als er ihr zum Abschluss Den dritten Mann auf der Zither vorgespielt habe. Der Karl holt zwei Stamperln aus seinem Glasschrank und füllt sie mit Selbstgebranntem. Zufrieden stoßen wir an. Ich zünde mir eine Memphis-light an und lausche Karls Ausführungen zu seiner eigenen Mutter. Das letzte Mal habe er sie vor zwanzig Jahren gesehen. Wenn er ihr heute auf der Straße begegnete, er würde sie "mit dem Arsch net anschauen". Sie habe sich um ihn "an Schaßdreck g'schert". Und was sei mit seinem Vater? Der habe sich, als der Karl elf gewesen sei, eine Schrotflinte in den Mund geschoben und abgedrückt. "A Kranker halt", kommentiert der Karl. Der Karl selbst sei als "Rattler in der Koatlakn" aufgewachsen, setzt er fort und meint damit Asoziale aus einer der verrufensten Gegenden in Innsbruck. Aus einer Schlachterei hätten sie Kuhaugen und Schweinohren stibitzt und damit die herausgeputzten Mitschüler beworfen, feixt der Karl. Von jeder Schule sei er geflogen. Zufrieden lässt der Karl jetzt seinen Blick über das Studioequipment des Regieraums schweifen. Seine "Weltfirma" habe er aus dem Nichts hochgezogen. Mir auf die Schulter klopfend ermutigt er mich: Ich solle keinen Gedanken an die Matura verschwenden. Wenn ich bestünde: schön. Wenn nicht: auch schön. Ich sei ein so begnadeter Künstler - nichts könne meinem musikalischen Durchmarsch im Wege stehen. Der Karl setzt sich an den Flügel und klimpert den Flohwalzer. Schade, meint er, wirklich schade.

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