Die Hände

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Die Hände

Die Hände

Sandro Armesani

Er gebe den Bechstein nur ungern her, aber er müsse Betti die Flausen mit dem Konservatorium ein für alle Mal austreiben.
Betti leert kichernd ihre Sektflöte. Heute - es ist der 15. Januar - feiern wir, denn wir haben das zehnte Lied fertig gemischt. Es ist für mich ein Moment größter Erleichterung, da ich mich nun endlich auf die Matura vorbereiten kann. Nächste Woche, beim Auftritt in Nauders, werden wir unsere Stücke präsentieren; danach wird der Karl Tausend CDs pressen lassen und über seine Kontakte zu Plattenläden verkaufen. Wir sind beschwipst und legen uns einfach flach auf den harten Untergrund des Studios. Dann werden wir übermütig und stellen uns das Leben als Popstars vor: nur wir zwei auf der Nappaleder-bezogenen Rückbank einer S-Klasse; hysterische Fans, die ihre Nase gegen die getönten Scheiben plattdrücken und vergeblich nach Autogrammen winseln; arschkriechende Plattenfuzzis füttern uns mit Langustenhäppchen. Ich nehme Bettis Hand und schiebe sie in meine geöffnete Hose. Es ist beinahe Routine, so oft hat sie mir in den vergangenen Wochen einen runtergeholt. Ob ich nun endlich mit dem Karl gesprochen hätte, will sie plötzlich von mir wissen. Ich schweige. Und dass der Karl den Flügel abtransportieren ließe, ob ich das gewusst hätte? Ich schweige. Warum ich sie dann nicht gewarnt hätte? Ich schweige. Jetzt zieht Betti am Gummizug meiner Boxershort und lässt meinen angeschwollenen Schwanz hinausbaumeln. "Du Schwächling!", ihr Ton ist anklagend. Unsacht schnappt der Gummizug zurück. Meine Latte lugt immer noch zur Hälfte hervor: das Bild eines Idioten. Betti lacht verächtlich und stolziert aus dem Studio.

Nauders in Tirol, eines dieser herausgeputzten Tiroler Bergdörfer, in denen außer der Volksschullehrerin und dem Dorfdeppen wohl jeder vom Fremdenverkehr lebt. Das Wurzelstockfestival ist das größte Zeltfest in der Region und der unbestrittene Höhepunkt des touristischen Jahreskalenders.

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Gedichte auf den Leib geschrieben