Kurz vor Mitternacht tobt im Zelt bereits ein entfesselt schunkelnder Mob. Von unserer Holzbank aus verfolgen wir mit gebremstem Enthusiasmus den Höhepunkt des Abends, die Vorstellung der Alpendesperados. Nur der Karl ist bester Laune. Einen Auftritt wie den unsrigen habe Nauders noch nicht erlebt, und er sei hier schon oft gewesen. Als erste Gruppe des Abends haben Betti und zwei Tänzer den Unterhaltungsreigen begonnen. Da war das Zelt noch halb leer und die wenigen, die unseren Auftritt tatsächlich zur Kenntnis nahmen, empfanden unseren Disco-Sound wohl eher als musikalischen Fremdkörper. Der Karl ordert jetzt die vierte Runde Wodka-Red-Bull und schaut mich misstrauisch an, als ich einen weiteren Drink ablehne. Ich bin sternhagelvoll - und unglücklich. Vorgestern hat meine Freundin Marcella mit mir Schluss gemacht. Ich sei nicht mehr der Mensch, in den sie sich vor einem Jahr verliebt habe. Ich beichte dem Karl meinen Kummer und erzähle ihm von Marcella. "Schmarrn", kommentiert der Karl ihren Trennungsgrund. Sie sei einfach stehen geblieben und ich hätte mich eben weiterentwickelt. Mein einziger Fehler wäre gewesen, sie zu gut zu behandeln, vermutet der Karl. Spontan erinnere ich mich daran, wie "gut" der Karl Betti behandelt. "Karl, darf man Frauen schlagen?", wende ich mich an ihn, und der Alkohol in meinem Blut stimmt mich zuversichtlich, dass er meine kühne Frage nicht mit einem Faustschlag beantworten wird. Der Karl schweigt erst mit stoischer Miene, dann lächelt er milde: "Glaub' ma, zu so was g'hören immer zwei!" Zufrieden mit seiner Antwort prostet der Karl mir zu und nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Becher. In diesem Moment setzt sich Schorschi an unseren Tisch. Der Karl stellt ihn mir als Drahtzieher der deutschen Musikwirtschaft vor. Ein begnadeter Produzent, der einen Hit auf fünfzig Kilometer gegen den Wind rieche. Schorschi nickt freundlich.
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