"Do IT!", jault der Karl. "Do IT und net DO it! Arschkua, depperte!" Sein hageres Gesicht zur Fratze verzogen kläfft er in die Sprechanlage des Mischpults und wirft dem Mädchen verächtliche Blicke durch die Glasscheibe zu, die Regie- und Aufnahmeraum trennt. Das Mädchen ist Betti, Karls achtzehnjährige Tochter. Hinter dem Mikrofonstativ stehend, wirkt ihr knochiger, ausgewrungener Körper wie ein Schatten. Die ungesunde Blässe ihrer Haut leuchtet fahl ihm Neonlicht der Studiodecke. Ihr Hände klammern sich am Stativ fest, als könnte sie daran Halt finden; ihr Blick wandert unsicher durch die verlassene Leere des Aufnahmeraums. In diesem Moment setzt die Musik ein, eine hämmernde Akkordfolge eines elektrischen Pianos unterlegt von einem stampfenden Disco-Rhythmus. Bettis dünne Lippen öffnen sich, nur einen winzigen Spalt breit. Aus ihrem Innersten tritt ein harmonisches Summen hervor. Wie durch das Heranfliegen einer Biene schwillt das Summen an. Immer eindringlicher tönt ihr Timbre jetzt durch die Membranen der Montitorboxen im Regieraum und wächst sich aus zum kraftvollen Schmettern einer Melodie. Schließlich streckt sie ihre Mundwinkel durch bis zum Anschlag und lässt daraus eine scheinbar zügellose, aber perfekt dirigierte Herde von Staccato-16tel-Noten galoppieren. Ich bin überwältigt. Es ist dies ein Ereignis, bei dem man Ursache und Wirkung nicht in Einklang bringen kann. Wie kann eine derartig gewaltige Klangladung aus einem solch splittrigen Körper gefeuert werden? Der Karl scheint meine verwunderte Begeisterung nicht zu teilen. Er lässt Betti die Passage erneut einsingen, immer und immer wieder. Mir fällt es schwer, die einzelnen Versionen zu unterscheiden, doch der Karl spürt jedes Mal eine verbesserungsfähige Nuance auf. Betti ist unglücklich - sie müsse zu ihrer Klavierstunde. Der Karl zeigt sich unbeeindruckt. "Huar!", pöbelt er Betti an.
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