Die Hände

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Die Hände

Die Hände

Sandro Armesani

Diese Vokabel entstammt seinem Standardwortschatz. Ich habe mich an seine Ausdrucksweise gewöhnt. Es ist eben seine Art zu arbeiten. Endlich, dreißig Minuten später, nickt der Karl zufrieden - Betti darf endlich zur Klavierstunde - und greift zum Haustelefon, um bei Irmi Kaffee zu bestellen.
Der Karl und ich schlürfen unseren Milchkaffee am Glastisch des Regieraums. Er werde Betti aus dem Gymnasium nehmen, sobald die Sommerferien beendet seien. Ich wundere mich: Betti ist eine gute Schülerin. Warum soll sie zwei Jahre vor ihrer Matura von der Schule abgehen? Die Schule, erklärt der Karl, könne ihr doch nichts mehr beibringen, und die wichtigsten Lektionen lehre ja ohnehin das Leben. Schon bald werde sie so viel Neues erfahren, wenn sie im Rahmen ihrer Tourneen von Stadt zu Stadt reise. Außerdem werde er hoch qualifizierte Privatlehrer für sie engagieren. Der Karl hält mir jetzt ein Päckchen Memphis-Zigaretten unter die Nase. "Memphis - so schmeckt Erfolg", ich denke an die Plakatwerbung, die ich neulich gesehen habe. Mit freundlicher Bestimmtheit lehne ich ab; ich rauche nicht. Genüsslich lässt der Karl grauen Rauch zwischen seine Zähne strömen. Bereits heute sei Betti die Whitney Houston Österreichs. Täglich riefen bei ihm Produzenten an, die mit Betti zusammenarbeiten wollten. Gerade gestern habe wieder einer aus Hamburg angefragt - natürlich ohne Erfolg. Der Karl zeigt jetzt sein breitestes Grinsen: "I geb' sie net her - in hundert Jahren nitta". Der Karl nennt Betti seine "Lebensversicherung". Mit viel Strenge habe er ihre Stimme in den letzten zehn Jahren ausgebildet. Niemand werde ihn nun um die Früchte seines Erfolges bringen. Ich stimme dem Karl zu und beteure ihm, er könne stolz sein auf Bettis Stimme. Der Karl springt von seinem zerschlissenen Cordsessel auf und zerschneidet mit einer auslandenden Armbewegung den Qualm seiner Zigarette: Wenn wir erst die CD aufgenommen hätten, werde es "krachen" in Österreich, - in Europa!

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