Die Hände

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Die Hände

Die Hände

Sandro Armesani

Die "CD" ist das Zentrum meines Denkens. Sie vielleicht eines Tages in Händen zu halten, ist der Silberstreif an meinem Horizont. Und der Priester, der mir diese Hostie reichen soll, ist der Karl. Vor genau vier Monaten plauderte ich mit seiner Tochter Betti während einer Freistunde. Sie interessiere sich auch für Keyboards, so Betti, nachdem ich erwähnt hatte, ich besäße einen Synthesizer Roland D-20. Der D-20 ist ein musikalischer Alleskönner, voll gestopft mit japanischer Hochtechnologie und deutlich besser als die Einsteigermodelle D-5 und D-10. Sein 16-facher Multitimbral-Mode, ein Realtime-Sequenzer, acht Einzelausgänge und eine dreifache 64-Bit-Effektsektion: beim D-20 war alles nur vom Feinsten. Ich habe ungezählte Nachhilfestunden gegeben, um mir diesen teuren Freund zu leisten. Jetzt, ich bin gerade siebzehn geworden, ist er Mein! Jede freie Minute fummle ich an seinen Reglern und Drehknöpfen, um ihm neue Sounds und Lieder zu entlocken. Nachts decke ich sein schwarzes Kunststoffchassis zärtlich mit einer Plane zu, um ihn vor Staub zu schützen. Betti nickt jetzt, als begreife sie, was ein Roland D-20 sei. "Wir haben einen Roland D-70 - mit Speichererweiterung", lässt sie mich wissen. Mein Puls spurtet; ich versuche meine Aufregung zu verbergen. Der Roland D-70 ist ein High-End-Synthesizer für Profis, Katalogpreis 94.900 Schillinge, die Speichererweiterung weitere 11.900 Schillinge. Welche Macht steckt hinter Betti?
Sich als "der Karl" vorstellend öffnet mir Bettis Vater die Tür und führt mich durch den Regieraum seines Tonstudios. Demütig blicke ich auf das übergroße Mischpult, die massive Aufnahmemaschine und die gigantischen Monitorboxen. Mit bedeutungsvoller Miene pocht der Karl auf den Metallrahmen der 24-Spur-Bandmaschine. Es handele sich um ein Fabrikat aus dem Hause Studer Revox, eine halbe Million Schilling teuer, konstruiert und gebaut in der Schweiz.

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