Hätte sie nicht ihr Klavierspielen, schon längst wäre sie durchgebrannt. "Weglaufen ist keine Lösung", versuche ich Betti zu beschwichtigen. Ich bin nervös und denke an die schrecklichen Konsequenzen einer solcher Handlung - für mich. Denn so viel habe ich verstanden: Sollte Betti abhauen, der Karl würde die CD niemals fertig produzieren. Schließlich ist Betti seine Lebensversicherung, nicht ich bin es. Ich beteure Betti, dass sich eine Lösung für ihre Probleme mit
dem Karl finden lasse. Dann verspreche ich, ihr zu helfen: Ich wolle Karl davon überzeugen, die Eisenstange in der Werkbank zu lassen und zugleich ihren Wunsch zu respektieren, dass sie weiter zur Schule gehe.
Die Schule hat wieder begonnen. Ich stehe unter Zeitdruck, denn es fehlen noch vier Songs. Spätestens - allerspätestens - bis Weihnachten müssen sie aufgenommen sein, damit ich mich auf meine Maturaprüfung im Mai vorbereiten kann. In den vergangen zwei Jahren war ich faul in der Schule, und meine Zensuren haben sich stetig verschlechtert. Früher war ich dreimal in Folge Klassenprimus. Jeden Nachmittag paukte meine Mutter, eine Lehrerin in Ruhestand, mit mir. Wenn ich dann ein "sehr gut" nachhause brachte, belohnte sie mich mit Ildefonso-Nougat und wir machten uns gemeinsam über schlechte Mitschüler lustig. Meine musikalischen Ambitionen belächelt meine Mutter. Hendrik, der angeblich hochmusikalische Sohn ihrer angeblich hochintelligenten Freundin Ingrid, habe sich meine Demokassette angehört. "Hochmusikalisch", sie formuliert es mit einem scheinheiligen Lächeln, denn sie weiß, dass ich diesen notorischen Besserwisser hasse. Hendrik habe sie wissen lassen, mein Stil sei leider um drei Jahre veraltet. Nein, sie könne es nicht zulassen, dass ich ein gutes Matura-Zeugnis für eine solche "Schnapsidee" opfere. Was erwartete ich eigentlich? Doch nicht etwa Erfolg? Ich sollte diesem komischen Karl nichts glauben, er sei ein "Schwätzer".
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