Die Heilung

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Die Heilung

Die Heilung

Michael Schumacher

Der Schrei nach Hilfe. Mit eingedrücktem Kehlkopf schreit es sich schwer.
Langjähriger Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr. Immer schon da gewesen. Hochgearbeitet bis zum Schichtleiter. Zuständig für die Einteilung der Arbeitszeit seiner Kollegen. Und noch andere, kleine, administrative Aufgaben übernommen. Immer.
Immer das Parteibuch der gerade richtigen Partei griffbereit gehabt. Immer nach oben mitgeschwommen. Im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten, natürlich. Alles andere hätte Rückgrad bedingt. Immer seinen Gewerkschaftsbeitrag pünktlich bezahlt. Immer freundlich. Immer hilfsbereit. Immer unauffällig. Sogar bei verschiedenen Feierlichkeiten. Auch bei solchen "lockeren" Zusammenkünften das Gesicht gewahrt. Immer. Nur so viel getrunken, dass er alles im Griff hatte. Immer. Seinen Vorgesetzten immer nach dem Mund geredet. So ist A. Immer.
Nie ausfallend. Nie emotional. Nie Fehler. Nie. Den alten Partieführern nie böses gewünscht. Auch wenn er wochenlang als "Fußvolk" durch die Gassen fegen musste. Und den Staub seiner Mitmenschen einatmen durfte. Nie unzufrieden. Nie ungeduldig. Nie.
Ein wertvolles, angepasstes Mitglied unserer Gemeinschaft. Schlicht, eine Bereicherung . Wären doch nur alle so. Der Weltfrieden wäre gesichert. Bis in alle Ewigkeit. Plus einem Tag.
Verschiedene Parteien wären dann genau so unnötig, wie die eigene Meinung. Es wäre viel einfacher. Alles. Probleme würden erst gar nicht auftreten. Keine. Von welcher Seite auch? Es gibt ja nur eine. Und das ist die Richtige.
A ist stolz auf sich. Auch wenn niemand seine Illusionen teilen würde. Dazu fehlt A der Drang zur Kommunikation. Na und? Vielredner sind A schon immer suspekt gewesen. Ein nüchterner Gruß, bzw. Dank auf einen solchen, und aus. A liebt Supermärkte. Ein kommunikationsloses Kommunikationszentrum. Natürlich nur, wenn diese Einrichtung richtig genutzt wurde. A nutzt sie nie falsch. Diese, seine, Formulierung lockt A immer wieder ein Lächeln heraus. Er ist oft in Supermärkten. Nimmt immer nur Kleinigkeiten, um dann wieder zu kommen.
A ein stattlicher Mann, mit 1,67 m Größe. Eine ausgezeichnete Figur für Einen knapp über 40. Ein kleiner Wohlstandsbauch. Eine erst ganz leicht beginnende Glatze. Kein Problem für A, diese durch entsprechendes Kämmen abzudecken. A hat lange gesucht, bis er den für ihn passenden Frisör fand. Jetzt hat er ihn. Schon seit 6 Jahren.
Nicht nur wegen seines geringer werdenden Haupthaares hatte die Suche gedauert. Es ist nicht einfach, den Vollbart A´s in seinem Wunsch zu schneiden. Oft war er in der Schule geärgert worden, wegen seiner leuchtend roten Haare. Das Leuchten war etwas verblasst. Trotz aller möglichen Mittelchen. Aber sein Frisör verhindert erfolgreich das Durchdringen der vereinzelten grauen Strähnen. Mittels einer extra für A gemischten Tönung. Zumindest war A davon fest überzeugt. Der Frisör konnte sein Handwerk, und widersprach nicht, sondern bestärkte A noch in dessen Annahme. Ein guter Verkäufer.
Der Vollbart war so eine Sache. Der Barbier seines Vertrauens konnte nur den Grundriss machen. Immer musste A zu Hause nacharbeiten. In der, von den Koteletten vorgegebenen Breite, nach unten. Jedes Mal wieder fand A das eine oder andere Barthaar das nicht in diese Ordnung passte. An den Wangenknochen vorbei, zum Kinn. Nach etwa drei Zentimetern, von der vorgegebenen Breite, in einen 5 Zentimeter breiten Übergang. Am Kinn vorbei, und an der anderen Seite, in ungekehrter Reihenfolge wieder retour.
Klingt einfach, ist aber schwer umzusetzen. Überhaupt, wenn der Kunde A ist. Der Oberlippenbart, 3 mm vom Lippenbogen entfernt. Nicht etwa 3, sondern drei. Und 1,5 mm von der Nasenwurzel weg. Eine parallel laufende Tangente. Dass das menschliche Gesicht nicht symmetrisch, und der Bartwuchs manchmal nicht in Reih´ und Glied verläuft, ist für A nicht von Bedeutung. Immer wieder hatte A sich zum Kauf seiner professionellen Schere beglückwünscht. Unzählige Male hatte sie ihm schon unentbehrliche Dienste erwiesen. Auch dass er seine Abneigung, mit für ihn fremden Menschen zu reden, überwinden musste, hat sich gelohnt. Opfer sind manchmal unumgänglich.
Es ist schon zur lieben Gewohnheit geworden. Die etwa 30 Minuten "Korrektur" nach dem Frisörbesuch, in A´s Bad. Nicht überdimensional, sondern funktionell. Sauber, wie der Rest seines Heims. Ein kleiner Korridor, eine Garderobe.
Die Küche, links. Eine Küchenzeile, funktionell. Ein Tisch, zwei Sessel. Kühlschrank. Aus.
Rechts vom Gang, der Wohn- und Schlafraum. Wandverbau, der auch das Bett zum hochklappen verbarg. Ein halb hoher Tisch, eine Sitzbank, zwei Foteaus mit Plastikschonbezug. Ein TV-Regal und eine Stereoanlage. A mag keine unnötigen Dinge. Nicht nur in seiner Wohnung.
Unnötig war auch seine Frau gewesen. Aus jetziger Sicht. Sie hatte Veränderung in seine Wohnung gebracht. Aber sonst? Wer braucht schon Bilder, Blumen, kleine Deckchen und solchen Kram? Der Sex? Nicht umwerfend. Richtig weinen konnte A beim Begräbnis nicht.
A hat keine Kinder. Er hat es nie bedauert. Er ist stolz auf sein Elternhaus. Immer korrekt, nie Streit. Gerne hätte ihn sein Vater studieren lassen, dafür reichten aber A´s Zensuren nicht.
Außer seiner Beförderung zum Schichtleiter gab es keine
einschneidenden Erlebnisse in A´s Leben.
Eine Kleinigkeit hatte es da gegeben. Einschneidend? Eigentlich nicht. Als er seinen Präsenzdienst leistete. Zuerst hat er es verdrängt. Aber es kam immer wieder. Immer intensiver. Dieses Gefühl. Nein, keine Empfindung, eher Unruhe. Nicht unangenehm, eher erregend. Beim Duschen mit den Kameraden. Das eigenartige Kribbeln. Der Geruch. Der Schweiß. Die Muskeln, die Behaarung. Immer schwieriger wurde es, seine Erregung zu verbergen. A ist diszipliniert, er schaffte es. So wie immer. Und alles.
Die Nächte. Eine einzige Tortur. Der immer und immer wiederkehrende Traum. Sein Ausbilder und er. In einer abgelegenen Waldlichtung. Zwischen den frisch gestapelten Holzscheiten. Eine kleine Festung. Nicht einsehbar. Uneinnehmbar. Abgeschieden. Es musste vorher geregnet haben. Der edle Duft des Holzes. Des Waldbodens. Mit Tannennadeln bedeckt.
Wie A und der Herr Korporal dort gelandet waren, daran konnte er sich bei bestem Willen nicht erinnern. Zu überwältigend war das Erlebnis. Alles. Nicht einzelne Kleinigkeiten. Das Gesamte.
A wurde einfach gegen einen Holzstoß geschleudert. Ja, geschleudert. Nicht fähig zu einer Gegenwehr. Der Herr Korporal griff ihm zwischen die Beine. Nicht zu fest. Nicht zu zart. Genau richtig. Nie konnte A dieses Gefühl vergessen. Auch heute noch nicht.
Dann der Kuss. Leichter Widerwillen. Der legte sich sofort. Nach etwa 2 Sekunden. Die fordernde Zunge des Korporals. Eine gigantische Explosion in A´s Gehirn. Als er mit seiner Zunge in den vorgegebenen Takt einstieg, war er fast besinnungslos. Unsicher tastete er nach der Hose seines Liebhabers. Einen gigantischen Schwanz fühlte er durch die Hose, zwischen seinen Fingern.
Alles weitere sah A wie durch einen Schleier. Er glaubte, nur mehr aus seinem Penis zu bestehen. Andere Körperteile hatte er in diesem Moment keine. Nur seine Erektion. Sein Uniformhemd wurde aufgerissen. Wann seine Hose zu Boden gefallen war, wusste er nicht mehr.
Leichter Schwindel, zittrige Beine. Sein Korporal hatte von seinem Mund gelassen. War langsam über A´s Hals zu dessen Brustwarzen gewandert. Dieses Saugen. Ein Mal zärtlich, dann die leichten Bisse. Wunderschön. Er konnte nicht anderes. A ergoss sich in die Hand seines Gegenübers. Für einen kurzen Moment war ihm das peinlich. A hatte keine Zeit für Bedauerungen.
Sein Lover fiel auf die Knie, und saugte ihm zärtlich den Rest aus seinem noch immer steifen Glied. Gleichzeitig rieb er ihm sein Ejakulat vom Bauch aufwärts bis hin zur Brust. A, der ein Meister der Beherrschung ist, hatte noch immer einen Ständer. Außer der saugenden Öffnung, die ihn ununterbrochen verwöhnte, war alles verschwunden. Kein Wald, kein Holzstoß. Nichts.
"Sein" Korporal, ein Könner. Statt der Erregung Herr zu werden, steigertet sie sich immer mehr. Es ging nicht anders. A ergoss sich in den Mund seines Gegenübers. Sein Kommen wurde mit einem unsagbar erotischen, schwerem Atmen bedankt.
Einen Augenblick später schmeckte A sein Sperma. Noch nie hatte A einen so intensiven Kuss erlebt. Dann lag er auf dem Bauch. Er spürte, wie sein After liebkost wurde. Anfangs ganz zärtlich. Dann stieß die Zunge immer wieder tief in ihn hinein. Ein ungewohntes Gefühl. Nicht unangenehm, nur ungewohnt. A hatte schon noch immer einen Ständer.
Dieses Lecken. Dieses Saugen. Das ganze Universum war auf diese eine Empfindung geschrumpft. In dem Moment, als sich A mit einem tiefen Stöhnen nochmals erleichterte, spürte er ihn. Schmerzhaft. Riesig. A glaubte, sein After würde zerspringen. Doch das Angenehme hatte Oberhand. Niemals später hatte er so intensiv empfunden.
A meinte, das Glied seines Gespielen im Gaumen zu spüren. Diese kleinen Stöße. Dann die heftigen. Immer wieder. Unendlich dauernd. Wahnsinn. Dann spürte er, das Pumpen. Das sich zusammen ziehen. Immer heftiger werdend. Als er dann das Sperma in seinem Darm fühlte, meinte er, zu verbrennen.
Tagwache. A hasste diesen Weckruf. Zurück in der banalen, ihn nichtverstehenden Wirklichkeit. Der Korporal würdigte ihn keinen Blickes. A führte es darauf zurück, dass er keinen Vollbart tragen durfte. Der kleine Schnauzer brachte nicht sein ganzes Wesen zur Geltung.
Dieser Traum hatte ihn oft bei seinen ehelichen Pflichten gerettet. Eigentlich verspürte er keine Geilheit. Er erfüllte einfach die Erwartungen. Zwischen Kür und Pflicht liegen Welten.
Seine Gattin hatte nichts bemerkt. Und wenn, hat sie zu A nie etwas gesagt. Auch uninteressant.
Unvorstellbar, wenn diese Fantasien im Betrieb bekannt würden. Disziplin. A hat genug davon.
Anfangs war A nur vorbeigegangen. Nur schauen. Und so. Immer öfter zieht es ihn ins Viertel. Ein, zwei Jungs sind schon dabei, die A reizen. Aber er sucht seinen Korporal. Dass er einmalig ist, kann A nachvollziehen. Etwas Ähnliches. So ungefähr.
Nach 6 Monaten voller Angst, entdeckt zu werden. Etwas Sicherheit in dieser Sache erworben. Fast wie zum scheinbaren Inventar des Strichs geworden. Meistens grüßten sie ihn schon. Eine kleine, verschworene Gemeinde.
Sein erster war ein zarter, blonder Knabe. Nicht älter als 16, maximal 17. Schmalschultrig. Fast mädchenhaft. So hatte A wenigstens etwas Selbstwertgefühl. Oder so. Beim dritten Zusammensein hat er es gewagt. Er fickte ihn. Ein angenehmes Erlebnis. A dachte an seinen Traum, und war fast eifersüchtig auf die Gefühle des Jungen. Dieser machte bloß seine Arbeit. Doch das überstieg damals die V
rstellungskraft A´s. Immer öfter erwischte A sich dabei, in diesen Traum zu versinken. Er sah sich als seinen "Korporal", und der Junge war er.
Wellen des Hasses stiegen von Zeit zu Zeit auf. Nur unter Einsatz seiner ganzen Selbstbeherrschung schaffte es A, sich unter Kontrolle zu halten. Und den Jungen nicht zu, ... strafen? Ja, A wollte ihn bestrafen. Sein Traum wurde beschmutzt. Das Heiligste, dass er hatte. Sein Traum. Sein Glück. Niemand durfte es beflecken, sein Erlebnis.
A mied eine Zeit den Strich. Er verlegte seine Triebe in die Urlaubszeit. Anfangs hat er sich nicht denken können, diese Anforderung durch zu stehen. Es gelang.
Bei einen seinen Urlaubsreisen einen Minderjährigen ausprobiert. Doch mehr Überwindung, als erwartet. Erst als ihm ein deutsch sprechender, ebenfalls im gleichem Ort, urlaubender Tourist erzählte, dass angeblich Onassis mit Vermittlung von kleinen Jungs sein Imperium begründete, die letzten Hemmungen verloren. Seine Sexualität auslebend. In vollen Zügen.
Nach seiner ersten "hemmungslosen" Nacht seinen Tippgeber aus Dankbarkeit zwei Mal verwöhnt. Bei dieser Gelegenheit hat A das Stachelhalsband kennen gelernt. Ein etwa 7 cm breites Lederband. Mit nach außen gerichteten Aluminiumstacheln. Das Wesentlichste aber war, dass das Band sich verengen lies. Panik hat A beim ersten, leichten Würgen erfasst. Doch der Tippgeber hatte Erfahrung. A fand Gefallen an dieser Spielart.
Fast überkam ihm das Gefühl der Unterwürfigkeit. Fast wie in seinem Traum. Fast.
Auch das Leichte, das Unkomplizierte, faszinierte A immer wieder aufs neue. Ein zwei Nächte. Und aus. Keine unnötigen Telefonate. Oder Briefe. Keine Belästigungen. Dass war DIE kommunikationslose Kommunikation. Die Besuche des Supermarktes verloren immer mehr diesen Reiz. In Relation zu seinen Erfahrungen.
Immer öfter ertappte sich A dabei, dass ihn seine Fantasien auch während der Arbeit überkamen. Zu groß war die Versuchung. Fast. Nur unter Aufwand seiner ganzen Konzentration konnte A sich beherrschen. Was naturgemäß anfangs Nachlässigkeiten bei seinen täglichen Aufgaben nach sich zog. Was wieder leichte Tadel seiner Vorgesetzten hervor rief.
Doch auch bei diesen Gesprächen wurden seine Gedanken immer wieder verleitet. Wie er so wäre, im Bett, der Herr Rat. Mehr hart? Oder sanft? Blümchensex? Auf die schnelle? Ein Genießer? Seine vorübergehende geistige Abwesenheiten schob Herr Rat darauf, dass A auch nur ein Mensch war. Und jahrzehntelang perfekte Arbeit geleistet hat. So etwas entschuldigt "kleine" Verfehlungen, die eigentlich keine waren. A kann seinen Job.
Die anfängliche Schüchternheit A´s gegenüber der Strichjungen war verschwunden. Er kam, nahm was er wollte, und ging wieder. Seine mittlerweile nicht nur lieb gewonnenen, sondern unabdingbaren Würgespiele, zogen höhere Kosten nach sich. Aber A hat ein gut gefülltes Bankkonto, und hatte sehr schnell den Ruf, ein "Großzügiger" zu sein. Die seinerzeitige, noch unwissentliche Sparsamkeit, machte sich jetzt bezahlt. Nichts ist umsonst, kostet A nur ein Lächeln. Und einmal kurz in das Geldinstitut.
Seinen Wandschrank, inklusive verschwindendem Bett hat A gegen ein Bett in Kreisform getauscht. Ein Wasserbett. Besser für seinen Rücken. Ein kleiner Luxus, nicht mehr. Der Inhalt seines Kühlschranks hatte sich ebenfalls unmerklich geändert. Zum obligaten Biervorrat kam Sekt, Wein und Korn hinzu.
A hat begonnen, ab und zu einen Knaben mit in seine Welt zu nehmen. Was A die Illusion von Vertrautheit vermittelte. Dass kleinere Geldbeträge fehlten, störte A nicht wirklich. Je öfter A in seinem Wasserbett sich eines Liebesdieners bediente, desto näher kam er seinem Traum.
Einmal hat A sich einen "Strengen" genommen. Auf seinen Wunsch hin, hatte der eine Lederuniform angezogen. Es war nicht das Selbe. Der "Strenge" war A fast eine Spur zu streng. Und die über Tage anhaltenden Schmerzen beim Sitzen waren nicht lustig. Und unendlich entfernt von seinem Traum, einmal und nicht wieder.
Nach etwa einem Jahr, hatte A die richtige Mischung zwischen würgen und gewürgt werden, gefunden. Gemischt mit lieben und geliebt werden. Es war ein langer, mühevoller Weg gewesen. Aber jetzt konnte A, je nach belieben, seinen Traum leben. Immer wieder. Immer heftiger. Er war am Ziel. Auf einer Welle der Zufriedenheit schwimmend. Und mit jeder Wiederholung verschwamm sein Traum immer mehr. Er lebte ihn. Und noch mehr. Alles ist perfekt.
Im Magistrat kann sich niemand, die Freundlichkeit, und auch die Gesprächigkeit A´s erklären. Herr Rat sprach nur in den aller besten Tönen über A. Eine weitere Beförderung war unausweichlich. Solche Mitarbeiter muss man bei der Stange halten. Wie nah der Herr Rat der Wahrheit war, konnte er nicht ahnen.
Das Osterwochenende. A nahm sich einen gutgebauten Knaben. Über die ganze Feiertagszeit. Multiple Orgasmen, Streicheleinheiten, harte, zarte, ja fast zärtliche Stunden vergingen.
Es blieb auch kein schaler Nachgeschmack mehr. Nur leichte Trauer, dass die Tage so schnell vergangen waren. Zu Pfingsten hole ich mir den wieder.
A ist in Panik. Über 2 Stunden suchte er schon den Gespielen, welchen er über die Ostertage gehabt hatte. Alle Fragen und Nachforschungen verliefen ins Leere. Zwei unwiederbringliche Stunden. Für immer verloren. Er war weg. Wie von dieser verdammten Welt verschluckt. A wurde immer zorniger. Die Buben beruhigten A. Er wurde ruhiger. Der Ersatz, der A empfohlen worden war, erwies sich als überdurchschnittlich gelenkig. A genoss ihn, und der Zorn war nach der ersten Nummer verflogen.
Immer häufiger nimmt sich A die Freitage frei. Herr Rat hat keine Einwände. A hat noch nie so gute Arbeit geleistet. Für alles gibt es eine Steigerung, Herr Rat behielt recht. Und er klopfte sich auf seine Schulter.
A hat sich daran gewohnt, dass er seine "Langzeit-Gespielen" nicht mehr vorfand. In dieser Branche gibt es keine festen Plätze. Und wenn, dann nur in sehr bedingten Ausmaß. A war auch schon so weit, dass er die Verwirklichung seiner Vorstellungen nicht mehr an einer Person festgemacht werden musste. Das Gegenüber war nur mehr Mittel zum Zweck.
Anfangs schreckte ihn diese Veränderung. In gleichem Maß, wie er anfangs meinte, eine Beziehung zu den Jungs aufzubauen, war es jetzt die Ersetzbarkeit. Die ganze Menschlichkeit der Buben war geschwunden. Mittlerweile waren es nur noch austauschbare Objekte. Ohne Gefühle. Ohne Ängste. Ohne alles, einfach. Wie sein Wasserbett. Seine Schuhe. Belangloses. Wertloses.
Nur die Erinnerungslücken, die immer häufiger vorkamen, beunruhigten A. Nicht so richtig. Aber doch.
Wenn etwas wichtiges vorgefallen wäre, hätte er es am Strich gehört. Nahm A an.
Der Strich schwieg.
Sein Hausarzt fand auch kein richtiges Mittel, gegen die Erinnerungslücken. Der Check hatte nichts Abnormes ergeben. Alles im tolerierbaren Bereich.
Ein sensationelles, verlängertes Wochenende. Montag war Feiertag gewesen. A hat schon lange nicht mehr so einen rauschähnlichen Zustand durchlebt. Mehrmals hatte er das Gefühl, sein Bewusstsein verloren zu haben. Dieser kleine, vorwitzige Knabe hatte es faustdick
hinter seinen süßen Ohren.
A liegt unbequem. Schmerzen im Kopf. Stechend, bohrend. Verdammt, was ist mit meinem Bett? Ist das Wasser ausgelaufen? Na das wird eine Schweinerei! Warum bekomme ich meine Augen nicht auf? Diese kleine Ratte, hat mir der etwas in mein Getränk gemischt?
Nach etlichen, vergeblichen Versuchen, schafft es A, seine Augen zu öffnen. Nur verschwommen nimmt A die Deckenleuchte war. Wo bin ich? Das ist sicher nicht meine Leuchte. Je mehr A sich bemüht, die ihm unbekannte Beleuchtung einzuordnen, desto größer werden die Kopfschmerzen. Dieses kleine Kretin hat mich verschleppt! Na der wird sein Wunder erleben, wenn ich ihn erwische!
Die Deckenleuchte ist vergittert! Verdammt, wo bin ich? A setzt sich auf, und übergibt sich sofort. Durch das Erbrechen treten Tränen in die Augen. Nach unendlich langer Zeit vermag A klar zu sehen. Was sind das für Schuhe? Hässlich braun, gebrochenes Leder, keine Schnürsenkel.
Die Hose in verwaschenem Grau. Das ist eine Arbeitsmontur! Schwarzer Steinboden. A hebt seinen Kopf. Sein unbequemes Wasserbett stellt sich als Holzpritsche heraus. Fix eingemauert in den Boden. An der gegenüberliegenden Wand Tisch und Sessel. Holzplatte, bzw. -sitztfläche mit eisernen Beinen. Ein Waschbecken, ein Spiegel aus Blech. Ein Kübel. In etwa 3 Metern Höhe ein Fenster. VERGITTERT !!!
Ich bin im Gefängnis! Das darf doch nicht wahr sein. Was ist passiert? Der Schock der Erkenntnis ruft wieder Erbrechen hervor. A schafft es bis zum Kübel.
Am ganzen Körper zitternd, schweißüberströmt erreicht A die Gegensprechanlage. Wenn es eine ist. A drückt die Taste. Absolut nichts passiert. Schwindel kommt, und es wird finster.
Herr A, Herr A, hören sie mich? Ja will A sagen, schafft es aber nicht. Ein Nicken unter immenser Kraftanstrengung, ist alles, was erreichbar ist. Wissen sie, wo sie sind? Köpfschütteln. Sie sind in der Krankenabteilung des landesgerichtlichen Gefangenenhauses. A spürt schon wieder den Schwindel kommen. Er bleibt aber bei Bewusstsein.
Ein anderes, fremdes Gesicht beugt sich über A. Ich bin Herr Beck, ihr Sozialarbeiter. Soll ich jemanden benachrichtigen? Ihre Familie, jemanden an ihrem Arbeitsplatz? A bringt keinen Ton hervor.
Ein Jahr später. Wieder vergitterte Fenster. Aber anders.
A sieht auf Bäume. Das ein Jahr vergangen ist, erfährt er von Toni, einem der Pfleger. Toni arbeitet für die zuständige Landesnervenklinik.
Langsam beginnt A, alles zu erfassen. Von Begreifen ist er noch Welten entfernt. Ein psychiatrisches Gutachten hat A für nicht verhandlungsfähig erklärt. Sein Pflichtverteidiger tat nicht mehr als seine Pflicht. Angeklagt des dreifachen Mordes an männlichen Prostituierten. Mehr als genügend Indizien in A´s Wohnung. Aufgrund von Spermaspuren und Fingerabdrücken verurteilt. Die restliche, ebenfalls in A´s Wohnung vorgefundenen Fingerabdrücke sind noch in der Auswertung. Voraussichtlich handelt es sich um 7, ebenfalls vermisste männliche Huren.
Urteil: Einweisung in eine geschlossene Anstalt, bis zur vollständigen Heilung mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
Langsam werden die Medikamente zum ruhig stellen abgesetzt. A begreift das Ganze. Wo die Lücken der Erinnerung herkommen, hat noch kein Arzt erklären können. Vermutungen gibt es viele, nur keine greifbaren
Symptome. Und somit keine endgültige Diagnose.
A hat schon den einen oder anderen jungen Knaben erblickt. Man hat schließlich einen Blick für seinesgleichen. Das oft erwähnte, unsichtbare Band. A heilen? Heilbar ist nur, was auch krank ist.
Viel Spaß bei der Heilung, lächelt A.

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