Die Rolltreppe

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Die Rolltreppe

Die Rolltreppe

Claudia Carl

Es war ein leichtes Streicheln an ihren Innenschenkeln, ein fast unmerkliches. So, als ob eine Fliege vorsichtig auf nackter Haut auf ihnen emportapste. Ein leises angenehmes Kitzeln, das von unten in ihre Sinne drang, während von oben rauhe Wahrnehmungen dagegen tackerten. Hautköpfe, Haarbüschel, Buntjacken, Aktenkoffer. Menschen überholten Schandra links -
während sie rechts auf den silbrigen, ineinander gleitenden Ritzen stand, eine Hand auf dem mitfahrenden kalten Gummi.
Auf der Rolltreppe vom U-Bahn-Untergeschoß Marienplatz zum Ausgang Weinstraße. Rechts stehen, links gehen. Plattform nach Plattform erklimmend, um endlich hinauf zu kriechen durch das letzte Loch. Der Himmel winkt bereits, das befreiende Rollband ist betreten. Eng an eng stehen die Menschen, Stufe um Stufe. Ihre Haarpracht wird hinauf getragen ans Licht. Schandra träumt. Sie trägt einen Mantel über dem kurzen Rock, der ihr jetzt von hinten gegen die Schenkel weht, von einem starken Luftzug gegen ihre Beine gedrückt wird, sie ein unwillkürliches Zucken denken lässt. Nur denken. Wegzucken von dieser Berührung, die ungewohnt ist. Ungewohnt im Strom der hastenden Menschen und schlenkernden Arme.
Eine Fingerspitze, die sich langsam die Schenkelinnenseite hinauf in Richtung Schritt sich bewegt. Ein kitzelndes Tasten, das wartet auf den maßregelnden Aufschrei, das Herumwirbeln, Kreischen, Sie unverschämter Kerl Sie.
Bis dieser Schrei ertönt, bewegt es sich weiter, millimeterweise, sacht, vielversprechend, das Innerste des Körpers kitzelnd.
Schandra dreht sich nicht um.
Vielleicht ist das, was sie als zarte Hand eines verklemmten Buben fantasiert, die knochige Pranke eines alten Türken. Vielleicht - wie sich das Kitzeln von der Aussenhaut der Seidenstrümpfe in den Unterleib ausbreitet - sehen all die Menschen, die hinter ihr stehen, jetzt zu. Vielleicht - oh bitte, noch ein Stück höher....
Schandra fühlt einen Ruck durch ihren Körper gehen. Wie ein aus dem Zahnrad gefallenes Glied schert sie aus aus der rechten Reihe, stapft plötzlich trotzig auf der linken Seite der Rolltreppe ein Stück nach oben, stellt sich wieder rechts in eine Lücke. Eroberungsaufforderungsspiel. Sie spürt, wie sich direkt hinter ihr etwas in Bewegung setzt. Ein Wesen in Wintermantel. Schwarz, mit Aktenkoffer. Schandra weiss nicht, wie sie in das vorüberziehende Gesicht blicken soll. Sehnsuchtsvoll, mein Gott tu was, oder vorbeugend abweisend. Sie hat es noch nicht gesehen. Ist er hässlich oder schön?
Er ist gepflegt. Die schwarzen Haare vom Friseur akkurat geschnitten. Ein Hemd mit Krawatte. Ein Lodenmantel. Die Aktentasche hebt er mit einer Hand hoch, leicht vor seinen Körper. Er schaut Schandra an. Seine Augen flackern, die Wangen sind bleich wie die eines Vampirs. Er stellt sich vor Schandra in eine Lücke.
Das Ende der Rolltreppe naht. Er wird hinunterkatapultiert in den
Fußgängerstrom der Weinstraße, muss weitergehen und Schandra, die hinter ihm bleibt, aus den Augen verlieren. Er geht aufrecht, wie ein tapferer Mann. Traurig sieht Schandra dem entopferten Jäger nach. Er verschwindet in einer engen Häuserspalte.

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