Die Schaufensterpuppe

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Die Schaufensterpuppe

Die Schaufensterpuppe

Anita Isiris

Trotz der eingangs erwähnten Sinnlosigkeit (in meinen Augen!) von Smyrnas Unterwäsche fand besagte Garnitur seit Wochen reissenden Absatz – Kunden waren ausschliesslich Männer, die vordergründig ihren Frauen zuhause eine kleine Freude bereiten wollten und hintergründig irgendwann in der Nacht ihre private, kleine Smyrna vögelten.
Die Schaufensterpuppe erzeugte sogar Hassgefühle: bei den Frauen, die ihre Männer schon zum dritten- oder viertenmal von Smyrna wegziehen mussten. In einem besonders tragischen Fall kam es sogar zur Scheidung: Es handelte sich um ein Paar, das seit vielen Jahren glücklich zusammen lebte, bis er die Schaufensterpuppe auf dem Weg zur Arbeit zum ersten Mal sah. Besagter Mann war von Natur aus eher scheu. Da er in der Mittagspause den Betrieb nicht verlassen durfte – er war Hilfskoch – verlängerte er am Abend jeweils seinen Nachhausweg, um beim ominösen Strumpfgeschäft vorbeizuschauen. Dies bedeutete für ihn aber, dass er jeweils den Zug verpasste und seine Frau mit dem Abendessen auf ihn warten musste.
Irgendwann kamen ihr seine ständigen Entschuldigungen verdächtig vor, und sie entschloss sich, ihrem Mann nachzuspionieren. Vor dem Strumpfgeschäft kam es dann zur Explosion: Die Frau erfasste die Zusammenhänge sofort, schoss aus ihrem Hinterhalt, einer Litfasssäule, hervor und zertrümmerte vier von sechs Hühnereiern an den Glasscheiben des Strumpfgeschäfts. Die beiden letzten, die sie, bebend vor Wut, aus ihrer Einkaufstasche hervorkramte, zerklatschte sie auf dem Kopf ihres verdutzten Mannes.
Lächelnd, aber kühl und unnahbar wandte sich Smyrna um, verliess mit wippendem Gang ihr Schaufenster und ward nicht mehr gesehen.

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