Die stinkende Bovistin

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Die stinkende Bovistin

Die stinkende Bovistin

Stefanie A. Drissen

Es mag schon sein, daß Langeweile ein dämonischer Zustand ist - jedenfalls schluckte ich jetzt bereits drei Stunden, die Uhr in der Hand, Tropfen um Tropfen vom Gifte des ennui hinunter, bis ein verzehrender Rachedurst mich aufspringen und in die blaue, schwüle Nacht rennen ließ. Die leichenblasse Menschenmenge kroch als Prozession verendender Herbstfliegen unter einer Allee von surrenden Bogenlampen einher. Straßenmädchen schwirrten wie Fledermäuse um alle Ecken. Ein Wortwechsel, eine Rauferei, ein Kuß! - sei es was es wolle: ich mußte in dieses mit erlahmender Triebfeder abschnurrende Leben eingreifen. Schon wollte ich aufs nächstbeste Lokal zugehen, als ein Mädchen mich im Vorbeischlendern mit einem blauen Blick infizierte. Ohne zu wissen, was ich tat, ging ich auf einmal neben ihr her. Sie sah aus wie das Mädchen auf dem Bilde „Der zerbrochene Krug“ La cruche cassée; ein rührend zartes Gesichtchen mit zu Küssen überredenden Lippen und großen blauen Unschuldsaugen, die im Zorne sicherlich schwarz wie die Nacht in bläulichen Blitzen gewitterten. Sie wandte ihr Gesicht plötzlich zur Seite und blickte mich voll an: im selben Augenblick war uns beiden der Preis gleichgültig, und wir schritten wortlos Arm in Arm weiter. Wir bogen in dunkle Seitengassen, nach rechts, nach links, dann wieder nach rechts, und kamen endlich durch ein finsteres Treppenhaus und einen stockdunklen Korridor in das Zimmer. Mit einer schüchternen Bewegung zündete sie die hängende Gaslampe an und zog die Fenstervorhänge zu (das Zimmer war ein Eckzimmer, eine so­genannte Laterne). Dann strich sie sich die Haare zurück und sah mich an ...
Mich packte ein heißer Ingrimm bei dem Gedanken, daß diese atmenden Siebzehn Jahre bis zu diesem Augenblick ohne mein Wissen gelebt hatten - sie gehörten mir! Man hatte mich Tag für Tag beraubt und bestohlen! Wer hatte es gewagt? ... aber nun war ja alles wieder gut. Und wenn alles wieder gut ist, kann jegliches zur Umarmung werden, die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut: es spielten unsere Hände für sich miteinander, so daß sich die fremden Finger begegneten und umschlangen. Aber da geschah plötzlich etwas: als ich einen ihrer zarten Finger sanft preßte, brach er ab. Ich blickte nach ihrem Gesicht - es lag geschlossenen Auges lächelnd da wie vorhin und schien nichts zu spüren. Ich sah rasch auf die Hand: entsetzlich, der Finger war wirklich abgebrochen, - und aus der Bruchstelle floß kein Blut, sondern sie war schwarz wie eine taube Nuß, wie ein schwammiger Bovist, von dem beim Knicken ein leichter Rauch aufsteigt.
Ich wagte es nicht sie zu wecken. Ich war völlig hilflos. Unwillkürlich versuchte ich, den Finger wieder anzustückeln. Unwillkürlich faßte ich dabei die anderen Finger der Hand fester an - auch sie brachen mit demselben leichten Rauch ab, auch sie waren innerlich von trockenem, schwarzem Schwamm! Ich kann es jetzt kaum begreifen, was da über mich kam: ich faßte die Hand mit einem Griff und brach sie an der Handwurzel ab - taube Nuß! Sie lag lächelnd da und wollte es nicht wissen. Mich ärgerte es, daß sie immerfort lächelnd dalag! In einer kalten, wißbegierigen Raserei packte ich den weißen Arm - er brach ab, auch er, und ließ kein Blut. Die Lust dieser Wut habe ich in meinem Leben nicht wieder gefühlt: ich sprang auf und griff nach ihren Füßen - sie brachen knackend über den Knöcheln - taube Nuß! Ich zerbrach die Schenkel, ich packte die Stümpfe und riß den Rumpf entzwei, ich knickte das Genick, - mit einem Griff hatte ich den Kopf beim Goldhaar und hielt ihn hoch! Einen Moment wollte mich seine Köstlichkeit übermannen - aber ich sah ja doch den schwarzen Schwamm am zerbrochenen Halse! da half nichts, da mußte ganze Arbeit gemacht werden! Ich fuhr mit beiden Händen in ihren Mund, griff Unterkiefer und Oberkiefer fest an, und riß den Kopf auseinander. Und brach in ein animalisches Triumphgeschrei aus: schwarz, taube Nuß! ein Rauch - das war alles!
Aber mein Geschrei hatte mich selber erschreckt; was nun folgte, war eine ekelhafte Stille, in der auf einmal ein leises Kratzen an der Tür, wie von einem Hunde, vernehmbar wurde. Ich blieb unbeweglich auf dem Bett sitzen. Plötzlich kicherte jemand hinter der Tür, pustete durch das Schlüsselloch und quietschte jetzt in den höchsten Tönen: „Muckeli-i, mach auf, Schatz-i-zi ist da!" - und kratzte dann wieder. Ich war ja ein Mörder! Herrgott, was hatte ich getan - wenn man mich hier fand - ein Mörder, furchtbarer Name! Ich saß noch immer regungslos. Aber schon war das Zimmer in eine gewisse Unruhe gekommen. Es fing in den Wänden an, als ob Mäuse auf einander Jagd mach­ten, dann tauchten in den Tapetenrissen pilgernde Wanzenzüge auf, dann glaubte ich, irgend etwas die Gardinenstangen entlanghuschen zu sehen ... Ich sprang umher und zog mich an. Wo lag nur mein Slip. Noch an ihrem Fuß, wie ein Fähnchen drapiert. Ein Blick auf die Leichenstücke: tot ist tot, aber die Haare riß ich herunter und steckte sie mechanisch in die Tasche. Jetzt war schon alles einerlei: hatte sie Geld bei sich? Schmuck?... Keine Zeit! Es begann sich auch schon im Korridor allerhand zu regen; ich hörte es ganz genau. Es war sicherlich nichts Gutes, es war wie ein leises Trappeln und Trampeln von einer ganzen Menge Menschen. Sie schienen rhythmisch „Tritt auf der Stelle“ zu machen, diese Bestien.
Jetzt sammelte ich mir Mut für die Türe, aber einen Moment blieb mein Blick an der Tapete hängen. Daß ich das gar nicht bemerkt hatte: sie war in einer leisen, wellenförmigen Bewegung, sie starrte mich aus tausend wutrollenden Augen an, diese Tapete! Jetzt hörte ich hinter mir ein Geräusch: irgend etwas Behaartes, Langschwänziges war mit einem Riesensatz vorn Schrank auf die Lampe gesprungen, schaukelte, mit allen Vieren dran hängend, auf und ab, und biß plötzlich in den krachenden Glaszylinder hinein, daß das Licht sofort auslöschte; - um Gottes willen, nur fort, jetzt mußte man fortlaufen!
Ich stürzte an die Tür, ich riß sie auf und trat mit einem mannshohen Fußtritt ins Dunkel. Das saß! Die Kerle fuhren schreiend zurück, der ganze Korridor war voll von ihnen: Pilze, Pilze, lauter übermenschengroße Pilze drängten sich wackelnd im Korridor und traten einander auf die Füße. Faust voran, stürmte ich in sie hinein, ich trat mit dem Absatz nach allen Richtungen, ich mußte durch, bis zur Außentür! Die Kerle zerbrachen mit schwarzem Rauche, es war zum Ersticken! - und immer neue Rotten wackelten im Gänsemarsch heran. Endlich war ich an der Tür. Gott sei Dank, es hing keine Kette vor, ich war draußen.
Ich nahm immer vier Treppenstufen auf einmal, hörte unten Stimmen, und ging dann gesetzt und langsam an den Nachbarsleuten vorüber. Durch viele Straßen ging ich, ich mußte immer schneller gehen, und lief endlich durch einen Park, wo ich auf einer Bank in der Nachtkühle zusammenbrach. Eine Gaslaterne durchschien theaterhaft die nächsten Zweige. Ich griff in die Tasche ... ich Idiot! damit die Polizei mich am Leichenhaar zu fassen kriegte! Aber in der Tasche gab es kein Haar mehr. Als ich meine Handfläche ans Licht hob, konnte ich nur ein wenig schwarzen Staub darauf erkennen. Ich blies ihn in die Luft. Gebe Gott - aber was soll Gott mir noch? Daß ich mich nie mehr an einen stinkenden Weiberbovisten erinnere. -
Ab! Hier weg! Dem heimelig-beruhigenden Schlangenverlauf der Ruhr entlang! Und wieder zurück in die Freundes-Nester der Düdorfer Altstadt. Und saufen und vergessen! Mein Gott, ja, sagte ich schon - Ob er mir vergibt?

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