Freitag, letzter Arbeitstag für diese Woche, keine wirklichen Termine. Ohne Programm war er unterwegs ins Großraumbüro. Beim Zug fehlte wieder die Hälfte der Wagen. Alle Umstiege klappten, zuletzt der in die U-Bahn. Er ließ sich in den Wagen treiben und auf den nächstbesten freien Platz fallen.
Sie saß ihm gegenüber. Zunächst beachtete er sie nur aus den Augenwinkeln. Die junge Mutter mit ihrem süßen Mädchen über den Gang lenkten ihn ab. Dann musste er wieder und wieder verstohlen Eindrücke von dieser Frau sammeln, ohne sie allzu deutlich anzustarren.
Sie mochte so um die sechzig sein, groß, alltäglich gekleidet, aber mit stilvoller Note. Große schwarze Augen, streng nach hinten gekämmte schwarze Haare. Ob das noch deren ursprünglicher Zustand war? Die Gestalt strahlte eine Autorität aus, die ihn packte und anmachte. Irgendwann fingen wilde Gedanken an: ‚Ob die zu ihrer ‚Arbeit‘ fährt, in ein Studio, vielleicht als Chefin, eine Art Domina‘? Sie beeindruckte und fesselte ihn, flößte ihm auf erregende Weise Respekt ein.
Als sie erkennbar Zeichen setzte, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, war er sicher: Planänderung!
Er versuchte, sie nicht mehr verstohlen zu betrachten (und zu genießen). Er mimte den Gleichgültigen, nur um nach, aber mit ihr auszusteigen und genau zu beobachten, wohin sie ging.
Als er sie, aus sicherer Entfernung, vor sich hergehen sah, war er wieder fasziniert von ihrer Größe und Ausstrahlung, die ihn anzog und doch auch leicht verunsicherte. Sie bog nach links ab, nahm die Rolltreppe nach oben. Entschlossen schritt sie aus – wie ein Mensch, der sich seiner absolut sicher ist. Daneben nahmen sich seine Schritte, die versuchten, ihr auf der Spur zu bleiben, verhuscht und gehetzt aus. Nun nicht den Kontakt verlieren!
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.