Don Juan und Nymphe

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Don Juan und Nymphe

Don Juan und Nymphe

Hima

Ich trage einen langen schwarzen Mantel, und immer wenn ich Lust hab, mache ich ihn auf. Ich trage nichts darunter, außer mich selbst.
Alles was ein guter Exhibitionist braucht, ist eine Menge, die einfach zuschaut und ab und zu mal Schreie der Empörung.

Mein Tag fing sehr früh an.

Am Nachmittag hatte ich Lust auf neue Klamotten.
Mein Freund, der alte Graue, kam mit.
Es ist was Schrilles bei herausgekommen...schrill und billig...fehlt nur noch ein orangefarbener Gürtel aus Lack!
Ich brauchte noch `ne CD von Eric Satie. In Plattenläden ist mein Grauer Spezialist! Ich nehme seine Hand und lass ihn nicht mehr los. "Was ist?", sagt er "Brauchst du mal wieder einen Papa?" Ich sage nichts, denn er weiß sowieso Bescheid.

Er hat mich mit dem Auto dann zu Hause abgeliefert.
Vor der Tür steht mein Franzose: "Was schleppst du da, ma Chérie? Wo warst du?"
"Ich war Klamotten kaufen. Mach mir mal die Tür auf!"
"Mais oui, mon general! Du meine Beste!"
"Ja, ja!", denn seine Worte taugen nichts.
"Vielleicht komm ich heut nacht!"
"Ja, ja!", denn wie gesagt...

So war mein Tag, nichts Besonderes im Ganzen,
mal seh`n was morgen kommt.

Der Franzose war da, nicht in der Nacht, sondern am frühen Morgen.
Ich habe gehört wie er sich in die Küche geschlichen hat...das bedeutet ein gutes Frühstück:
Zuckerbrötchen für meine Tochter, Croissants für ihren Freund, Käsebrötchen für meinen Sohn und ganz normale Brötchen für mich.
Ist das nicht interessant?
Alles ist da...nur der Franzose nicht!

Irgendwie muss ich meine letzten Mäuse zum Fenster rausschmeißen.
Ich war schon wieder shoppen, mit dem Grauen, den ich jetzt einfach Max nenne.
Zwei Pullover, knallorange und dunkelbraun, zusammen sehen sie aus wie ein schönes Herbstblatt.
Im Buchladen waren wir auch noch. Max holt sich "Schlösser und Gärten im alten Preussen" oder so ähnlich und ich "Flow...Das Geheimnis des Glücks".
Max schreit durch den ganzen Laden: "Himi!! Raus aus der Esotherik-Abteilung!" Worauf er mich durch`s Geschäft jagt und ich gackernd vorne weg renne.
Alle Leute dreh`n sich um...sowas machen wir gerne.

Zurück zu Hause, ruft mich meine Freundin (Spanierin) an: "Kann man sagen: Man tut was man kann...und was man muss?" Ich sage: "Ja...was soll`n das bedeuten?"
Sie fängt an zu flüstern: "Ich sag nur eins...ich hab die Schnauze voll von Intellektuellen! Die haben keine Ahnung von Sex! Ich hab jetzt einen neuen Nachbarn, weißt du....jetzt kann ich aber nicht weiter sprechen...wir schreiben uns heimlich Zettel weißt du...und es ist ziemlich geil..."
"Alles klar...ich weiß schon, was du meinst! Meinen Segen hast du...und ich wünsche dir viiiiiel Spaß!!"
Wir kichern noch ein bisschen, denn wir sind uns einig.
Insgesamt ein lustiger Tag.

Ich habe gut geschlafen.
Um halb sieben aufstehen...daran werde ich mich nie gewöhnen!
Sonst keine besonderen Vorkommnisse, außer eine lustige Email von Heinz.
Das Buch, dass ich mir gestern gekauft habe, gefällt mir.
Heißt übrigens im Original:
"FLOW - The Psychology of Optimal Experience"
Orgastische Erfahrungen?!


Heute Nacht habe ich aber nicht so gut geschlafen.
Erstens, weil ich Pipi musste und zu faul war auf`s Klo zu gehen.
Zweitens, weil ich schlecht geträumt habe:
3 Männer, die irgendwie auf quälerische Art und Weise miteinander verbunden sind und sich nicht trennen können.
Und:
Meine Mutter und meine Oma, die irgendwie auf quälerische Weise miteinander verbunden sind und sich nicht trennen können.
Bäh! Was geht mich das an!
Außerdem Eisprung und eine unglaubliche Langsamkeit!
Beim Frühstück war ich dafür sehr albern, so dass sich mein Sohn (er heißt neuerdings Toni) vor lachen leider verschluckt hat.
Jetzt geh ich wieder ins Bett! Heute sind unverhoffter Weise zwei Geldverdien-Termine ausgefallen.

Meine Tochter (sie heißt neuerdings Marie) fragte mich vorhin:
"Was ist eigentlich mit Chéri (so heißt jetzt der Franzose)? Habt ihr euch gestritten? Er ruft gar nicht mehr an und kommt nicht mehr?
Ich sag: "Keine Ahnung was los ist. Vielleicht weil ich mich nicht für die Brötchen bedankt hab!"
Mantel zu...und ab in`s Bett


Also, es ist immer noch Freitag, und um 5 vor zwölf bin ich von meinem kleinen Vormittagsschläfchen wieder aufgewacht.
Ich habe was geträumt, von Motten im Schrank, ...die ganze alte Vergangenheit, mit ihren Beschränkungen und Begrenzungen.
Als ich mir gerade die Zähne putze, geht die Tür auf und Chéri kommt herein.
Ich spring ihm um den Hals und knutsch ihn ab, so dass er überall Zahnpasta im Gesicht hat.
"Ca y est, ich kann nicht schlafen, mon bébé!" sagt er, "Ich muss schlafen in dein Arm!"
Er guckt wie ein begossener Pudel. Er ist alle! Da geht nichts mehr!
Ich sag: "Da hast du aber Pech gehabt! Ich steh nämlich gerade auf! Wer duscht zuerst, du oder ich?", wobei ich mir demonstrativ die Nase zuhalte.
"Ah oui...ich mache mich ein bisschen frisch!" Was bedeutet, sich drei Tropfen Wasser ins Gesicht zu schütteln.
Und schon liegt er in meinem Bett: "Komm in mein Rücken, ma puce! Bitteee!"
Ich kann jetzt nicht, Chérichen. Toni kommt gleich von der Schule und ich muss ja auch mal langsam zu Potte kommen. Und danke für die Brötchentüte von letztens. Das war ein gutes Frühstück! Was hast du heut für schöne Schuhe an?"
"Die hab ich aus der Mülltonne rausgeholt. Sind die nicht phänomen..."
Und schon ist er eingeschlafen.
Ich tippe mal, das wird ein 24-Stunden-Schlaf!

Fünf Minuten später kommt Toni zur Tür herein spaziert.
"Was ist los, alter Junge?! Mach ich dir jetzt was zu essen oder was?"
"Nö, Mammsen, ich geh gleich angeln." "Okay...und pass auf, dass sie dich nich erwischen!"
Marie und ich machen uns noch einen schönen großen Sommersalat, mit allem drum und dran, und dann zieht es mich raus in die Sonne.

Ich geh nur um die Ecke und setze mich auf eine Bank an die Spree, mit Blick auf`s Schloss. Alle drei Minuten kommt ein Dampfer: "...und Königin Luise...bla, bla, bla...in diesem Schloss...bla, bla, bla...wurde dann Charlottenburg genannt..."
Ein Geruch von Hundescheiße und totem Fisch weht zu mir herüber.
Ja, so ist die Spree. Ich bin ein Havelkind, die Spree kannst du vergessen!


Heute ist Mittwoch.
Das Exhibitionieren fängt langsam an mir ein wenig Angst zu machen. Ein unbekannter Pfad über einem gefährlichen Abgrund.
Es ist die Angst zu erkennen und erkannt zu werden.
Dabei finde ich, dass ich bisher noch gar nichts Schlimmes angestellt habe.

Außerdem scheint es die Traumwelt stark zu aktivieren:
Alle sind wieder da: Schwiegervater, Schwiegermutter, Mutter, Schwägerin...eine geisterhafte Familienversammlung.
Ich vermisse meinen Vater. Dies ist eine reine Feststellung und mit keinerlei Emotionen behaftet. Es ist, als würde er nicht dazu gehören.
Alles bekommt einen leicht surrealistischen Touch. Zeiten vermischen sich...bloß nichts vergessen, alles festhalten, alles aufschreiben.
Wenn ich jetzt auf der Spreebank sitze, höre ich die Dampfer nicht mehr und rieche nicht den Dunst der Stadt. Ich schreibe...versuche das Vergangene auf`s Papier zu bannen, wobei mir der Moment verloren geht.
Das gefällt mir nicht.
Das Alte (auch, wenn es erst fünf Tage alt ist) kann ich immer noch hervorkramen, wenn mir in der Gegenwart der Stoff ausgeht

Heute war ein "bisschen-Tag"...ein bisschen Geld verdient, ein bisschen gesonnt, ein bisschen einkaufen gewesen.
Als ich nach Hause kam war Max auf dem AB.
Ich hab ihn dann angerufen und er hat mir erzählt, dass er zwei tote Wildschweine quer durch Berlin transportiert hat.
"Und was ist mit deinem Geburtstag morgen?", fragt er?
Ich sage: "Also, den größten Gefallen kannst du mir tun, wenn du das einfach vergisst. Ich versteh sowieso den Sinn nicht von der ganzen Angelegenheit. Wir können ja am Sonntag `n Stück Kuchen bei dir auf`m Balkon essen und so tun, als wäre nichts gewesen."
Dann erzähle ich ihm noch von einer Sendung, die vor ein paar Tagen im Fernsehn kam, über Tibetische Medizin. Die haben Medikamente, die sie aus bestimmten Kombinationen von Kräutern, Früchten und Wurzeln herstellen, eine Medizin, die aus Jahrhunderte alter Erfahrung entstanden ist und immer wieder weitergegeben wird. Es scheint so, als ob damit so gut wie alles zu heilen geht. Das raffinierte daran ist, dass die Kombinationen immer so zusammengestellt sind, dass bestimmte Bestandteile für die heilende Wirkung zuständig sind und bestimmte Bestandteile dazu da sind, dass keine Nebenwirkungen entstehen.
Wie das immer so ist, wurden diese Mittel im Westen, mit modernsten Methoden unter die Lupe genommen und auch getestet, wobei es zu erstaunlichen Ergebnissen kam (für die Tibeter gar nicht erstaunlich!).

"Sowas gab`s bei uns früher auch", sagt Max, der sich lieber um die Vergangenheit kümmert. "Das ist dann irgendwie abhanden gekommen."
"Wie zum Teufel kann sowas denn einfach abhanden kommen!?", rege ich mich auf. "Hat das einer aus Versehn in den Mülleimer geschmissen oder was??"
Es folgt eine längere geschichtlich antropologische Abhandlung, bis er endlich bei den alten Ägyptern landet.
Okay! Ich wollte das ja nur mal so nebenbei erwähnen.
"Ich meine ja nur, wegen Diabetes, dachte ich...", sage ich schüchtern. Max hat Diabetes und trägt `ne Insulinpumpe.
"Himi, jetzt lass mich mal in Ruhe mit deinen komischen Allheilmitteln. Wer weiß, was das wieder für`n Humbuk ist!"
So! Also, die Tibetische Medizin ist jetzt in der Esotherikrubrik gelandet und somit abgehakt. Hab` mich sowieso schon gewundert, warum das so lange gedauert hat.

Fünf Minuten später ruft Chéri an:
"Ma puce, morgen 17°° Tisch 38 beim Thailänder. Für fünf Personen. Leider kein Platz am Fenster. Sag die Kinder, sie sollen vorher nichts essen...La vache! Ich kann meinen Schlips nicht finden!"

Ähh...ja!

Heute Nacht gab es einige Turbulenzen. Mein „Innerer Lagerarbeiter“ war sehr fleißig. Er schob und rückte Kisten hin und her und hat schließlich eine wilde Räuberpistole an`s Tageslicht befördert:
So ein cooler Typ, ein bisschen ausgeflippt, doch ansonsten eher unscheinbar, tuckelt so mit einem alten Taunus (beige mit türkis, geiles Teil!) durch die Gegend. Er meint er wär allein, aber denkste!...er wird beobachtet von einer sehr adretten Kommissarin...über Bildschirm.
Sie gibt alle Infos weiter, die olle Petze, an den Herrn Kommissar, der sofort die Verfolgung aufnimmt. Über München, Kaiserslautern und Unterhaching...Moment mal...Unterhaching? Da scheint sich wohl versehentlich die Bundesliga-Tabelle mit eingeschlichen zu haben!
Na jedenfalls, der Kommissar lässt sich nicht lumpen, stoppt kurzerhand den alten Taunus und lässt sich auf dem Beifahrersitz nieder.
Erstaunlicher Weise sitze ich schon hinten drin im Auto. Mir ist wohl nur die Rolle als Beobachter und Erzähler zugedacht worden...sozusagen der Ich-Erzähler.

Träume deuten ist nicht schwer:
Der Kommissar ist einer, der auf alles aufpasst, der alles unter Kontrolle hat, der für Recht und Ordnung sorgt und dafür, dass Gesetze eingehalten werden. Der Gute eben.
Der coole Typ hat offensichtlich etwas ausgefressen. Der muss gefangen werden und bestraft, wo komm` wir denn sonst hin!
Da ich dort hinten in der Mitte auf dem Rücksitz plaziert bin und mir alles angucken darf, nehme ich an, dass mir da etwas von mir selbst vor Augen geführt wird. Zum besseren Verständnis. Zwei Persönlichkeiten: der Gute und der Verbrecher.
Der Verbrecher sitzt also am Steuer, Herr Kommissar neben ihm.
Es stellt sich ziemlich schnell heraus, dass der Verbrecher auf dem Weg zur Zugspitze war, ihm unterwegs aber `ne Schraube locker ging und er jetzt eigentlich ganz froh ist, dass er endlich geschnappt wurde. Zweitens wird auch klar, dass er ein ziemlich mieser Autofahrer ist.
Die Zugspitze ist ein weit entferntes und hohes Ziel! Wer sowas anstrebt, hat `ne Schraube locker und muss vor Gericht?
Na, jedenfalls, der Kommissar ist alsbald sehr abgenervt von diesem stümperhaften Gefahre und ranzt den Ausgeflippten an: "Rüberrücken!"
Ich dahinten halte das für keine gute Idee!
Wenn der jetzt Beifahrer ist, dann kann der erstens einfach die Tür aufmachen und abhauen, bei Gelegenheit, oder er zieht `ne Knarre und bedroht den Kommissar damit.
Tut er aber beides nicht! Da bin ich ja beruhigt!
Warum auch immer, landen wir irgendwann in der Wohnung des Verbrechers. Meine Güte! Da sieht`s vielleicht aus!
Überall leere Flaschenkästen, kreuz und quer!
Der Kommissar ist ein kleines Dummerle! Er sagt: "Na, wenigstens kein Alkohol!"
Doch ich habe bessere Augen als er! Überall wimmelt es von leeren Bierflaschen...die unterschiedlichsten Sorten!
Der Typ gefällt mir! Jetzt weiß ich auf welcher Seite ich stehe!
Wow, der ist genau wie ich! Kann saufen wie ein Loch und dafür gar nicht Auto fahr`n.
In dem Moment sticht mich `ne Wespe in meinen Barfuß-Fuß...das tut höllisch weh und ist eigens dafür gedacht mich aufzuwecken...damit ich mir diesen Traum ja merke...und mir mal Gedanken drüber mache, was ich für eine bin!
P.S.: Um mich mal zu rechtfertigen: Mit meinem Geburtstag hat das alles nichts zu tun! Ich habe nur ein einziges, winzig kleines thailändisches Bier getrunken. Nur um mal zu kosten. Ich schwöre!!


Ich habe ja noch was Wichtiges vergessen, beim Kommissar und dem Verbrecher.
Der Verbrecher scheint in Berlin zu wohnen.
Die beiden gehen jedenfalls zu Fuß zur Wohnung des Verbrechers, eben durch Berlin und kommen dabei an solchen Statuen, solchen Skulpturen vorbei.
Komischer Weise sind die alle quer durchgesägt und Oberteil und Unterteil ein Stück voneinander weg geschoben, so dass sie gar nicht mehr zusammenpassen.
Der Verbrecher will das wieder zusammenbringen, doch der Kommissar hat was dagegen.
Ja, Berlin ist immer noch eine geteilte Stadt. Es gibt sie immer noch, die Wessis und die Ossis.
Der eine Teil ist männlich, aggressiv. Der kapitalistische Westen.
Der andere Teil ist weiblich und gefühlvoll. Der Osten, der mal pseudo-sozialistisch war.
Der Verbrecher will, dass die beiden sich vereinen, männlich und weiblich in einer Stadt, in einem Körper.
Das wäre die Zug-Spitze, der Gipfel, der ultimative Orgasmus!
Das war also das Ziel des Ausgeflippten!
Na, kein Wunder, dass ihm da unterwegs die Puste ausging.

Ansonsten ein ruhiger Tag:
Zwei Emails vom Schweizer...eine zum französeln und eine, um meine Adresse zu bekommen, damit er mir aus La Réunion schreiben kann.
Zwei Emails von meinem Freund aus Spandau. Er wollte sich mit mir treffen, aber heute ist mir nicht nach Außerhalb.
Und einen riesen Blumenstrauß von Fleurop...von Chéri.
Außerdem bin ich jetzt in „Selbsterkennung“ drin...das war `ne Panne von yahoo, dass ich dort abgewiesen wurde.
Also, ich bin ganz zufrieden...alles dreht sich um mich (so denken doch kleine Kinder oder?).
Na dann, gute Nacht!

Gestern abend habe ich noch mit Max telefoniert.
Er war nicht gut drauf, weil sein Zucker über alle Maßen hoch gestiegen ist.
Das kommt in letzter Zeit öfter vor.
Mit Toni habe ich mir noch so einen schwarz-weiß-bunt-Film reingezogen...den fand ich stark:
Ein Mann und eine Frau aus der heutigen Zeit geraten irgendwie (den Anfang habe ich verpasst) in so eine Serie aus den 50er Jahren. Sowas "Lessie"-mäßiges. Lauter prüde, brave Leute, die Tag für Tag das Gleiche machen, Tag für Tag die gleichen Abläufe, die gleichen Verhaltensweisen (da braucht man eigentlich nicht erst in die 50er zurückzukehren)...und alles in schwarz-weiß.
Jedenfalls bringen "die Beiden aus der Jetzt-Zeit" dort so ziemlich alles durcheinander, so dass dort so richtig Leben in die Bude kommt...daran zu erkennen, dass nach und nach alles farbig wird...den Schluss habe ich auch verpasst...
Dann bin ich ins Bett gegangen und hab neun Stunden durchgeratzt...und ihr habt Glück...ich habe nichts geträumt...

Um 9.30 kam Chéri...mit irgendwelchen Plänen für ein neues Restaurant...Luftschloss Nummer 1476!!

Gefrühstückt mit Toni...versucht die fehlenden Filmteile zu gucken (Widerholung)...kam aber immer irgendwas dazwischen...ach so, ja, mit Marie telefoniert (sie wohnt seit letzten Freitag mit ihrem Freund Ben bei ihrem Papa, weil der verreist ist und sie auf die Katze aufpassen müssen, die aus dem Fenster gefallen ist...doch das ist wieder eine andere Geschichte...)

Max angerufen, der soll sich mal den Film angucken, der hatte aber immer noch schlechte Laune, weil er auch immer ein bisschen Angst hat, wegen dem Zucker.
Wegen der schlechten Laune habe ich dann Schuldgefühle bekommen, weil ich mich nicht darum kümmere...also nochmal bei Max angerufen, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Um 15°° habe ich dann Chéri geweckt...der dann um 18°° auch sofort aufgestanden ist. Jetzt ist er in seinem Restaurant.

Und ich werde langsam ein bisschen unruhig...um nicht zu sagen, leicht nervös!
Max hatte mich gefragt, ob wir ins Kino gehen...ich habe aber keine Lust auf Kino.
Mein Freund aus Spandau (der jetzt Hans heißt) wollte eigentlich auch heute mit mir weggehen...
Ich weiß nicht, ich weiß nicht...irgendwas fehlt, doch ich weiß nicht was!
Ich glaube, ich werde mal alleine gucken gehen, ob...

Gerade sind Marie und Ben zurückgekommen und wir machen noch `ne Pizza selber.

Hans hat angerufen und ich muss noch Max anrufen und ...ich finde nicht, dass ich in irgend einer Art und Weise zentriert bin...gerade..


Bei Max habe ich dann doch nicht mehr angerufen. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte.

Auf dem Weg, um mich mit Hans zu treffen gingen mir einige Gedanken durch den Kopf:
Es gibt
Lebens- und Überlebenskraft
Lebens- und Überlebensspannung
Es gibt
Auftanken und abgezockt werden
Bewegung und Ruhe
Darüber später mehr.

Ein Lied kommt mir in den Sinn:
60 ways to leave your lover
Das beschwingt mich ein wenig.

Hans ist schon vor mir da.
Es begann vor zwei Jahren.
Ich hatte mir zu dieser Zeit einen kleinen Raum eingerichtet, ganz in der Nähe meiner Wohnung.
Ich hatte vor, dort Massagen anzubieten, für Geld...ist doch klar!
Hans war einer von denen, dem ich meinen Flyer zugeschickt hatte, um auf mich aufmerksam zu machen.
Hans wollte kommen...und er kam auch.
Es stellte sich jedoch ziemlich schnell heraus, dass Hans keinerlei Interesse an irgendeiner Art von Massage hatte. Er hatte Interesse an mir!
Und von da an wurde es etwas schwierig.
Hans hatte noch nie eine Freundin. Hans hatte noch niemals Sex mit einer Frau.
Okay!
Also, es war so...Hans hatte den unbändigen Wunsch mit mir Sex zu haben.
„Miteinander schlafen“ heißt das so unglaublich spannender Weise.
Und nicht nur das: Hans hatte eine romantische Vorstellung...eine Vorstellung, dass er und ich...so ein Liebespaar sein könnten.
Es ist so: Ich habe in dieser Hinsicht schon einiges erlebt, einiges Erfahren.
Ich habe schon mit mehreren Männern zusammen gewohnt, ich hatte mit vielen Männern Sex, ich war verheiratet, habe Kinder, bin geschieden...und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass nicht alles, was ich brauche in einem Mann zu finden ist.
Das ist ungefähr die Phase in der ich jetzt bin, in der ich jetzt, bewusst und unbewusst, meine Erfahrungen sammele...und diese Phase fing so ungefähr vor zwei Jahren an akut zu werden.
Und just in diesem Moment platzt mir Hans zur Tür hinein, mit all seinen Bedürfnissen und ungelebten Wünschen, die allesamt ihre Existenzberechtigung haben und auch notwendig sind und gelebt werden müssen.
Der Knackpunkt ist nur: Nicht mit mir! Ich habe nicht mehr diese Illusion von dem Einen, dem, der alles hat, um mich glücklich zu machen.
Ja, so fing das an mit Hans.
Unzählige Male habe ich versucht ihm deutlich zu machen, dass ich nicht die Frau sein kann, die er sucht, dass nicht ich es bin, mir der er seine Wünsche leben kann.
Hans kam trotzdem immer wieder. Zwei Jahre lang kam er in meinen Raum...zweimal im Monat.
Wir haben viel gearbeitet, haben geackert und geschuftet, sind immer am Ball geblieben, haben nicht aufgegeben, sind durch Hochs und Tiefs, durch Hin und Hers gegangen...und haben letztendlich einen unglaublichen Durchbruch erreicht.
Vor ein paar Wochen musste ich den Raum aufgegeben.
Und so bald wie möglich werde ich dann, hier in meiner Wohnung, ein Zimmer einrichten, wo ich wieder arbeiten kann. Denn, so ungemütlich es sich auch anhört, es ist wirklich Arbeit, alte Begrenzungen und Behinderungen aufzuspüren, um sie auflösen zu können.
Es ist nicht jedermanns Sache, denn es muss die Bereitschaft da sein, sich an untergebuddelte Schmerzen heranzuwagen.
Hans hatte den Mut dazu und ich, ich weiß jetzt nicht genau, wie es weitergehen wird, ich habe fast den Eindruck, als hätte sich etwas erfüllt.

Zurück zu gestern Abend.
Es fühlt sich ein bisschen schwer an, ein bisschen anstrengend.
Hans will von mir wissen, wie es nun weitergehen soll.
Er will wissen, wie ich mir die Beziehung zwischen uns weiter vorstelle.
An diesen Punkt kommen wir immer. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir da schon waren.
Er will es immer wieder wissen. Es ist fast so, als wollte er immer wieder einen bestimmten Schmerz spüren, immer wieder vor der gleichen Leere stehen, immer wieder vor der gleichen Verzweiflung. Es hat etwas Perverses an sich.
Es zieht mir alle Kraft aus allen Poren, ich fühle mich müde und hilflos, ich weiß nicht, wie oft ich ihm noch sagen muss, dass ich mich körperlich nicht zu ihm hingezogen fühle, dass er sich keine Hoffnungen zu machen braucht, und dass er sich mal langsam auf die Socken machen sollte, um ein Frau zu finden, die zu ihm passt.
Und gleichzeitig ist da diese Angst. Diese Angst, die sich davor fürchtet, dass er wieder ganz alleine sein wird, dass er sich wieder isolieren wird in absoluter Einsamkeit...und, dass die zwei Jahre ganz umsonst gewesen sein werden.
"Du kriegst meinen Schlüssel!", sage ich. "Dann kannst du kommen und gehen, wann du willst!"
Noch will er meinen Schlüssel haben, aber vielleicht überlegt er es sich noch anders, das wäre dann der erste Schritt Richtung Isolation.
Wenn er diesen Schlüssel nicht haben will, dann werde ich ihn mit der Post zu ihm schicken! Er muss ihn haben....denn ich will nicht für seine Einsamkeit verantwortlich sein und ich bin es auch nicht.
Hat er meinen Schlüssel, dann muss im überklar und überdeutlich sein, dass er für sein Leben selbst verantwortlich ist...und dann kann er mir von mir aus den Schlüssel zurückgeben!

Nachdem ich mit Hans zusammen war, habe ich mich noch mit Max getroffen.
Erstaunlicher Weise ist das mit dieser Tibetischen Medizin nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Diesmal bin ich nicht weiter darauf eingegangen, denn ich habe keine Diabetes.


Mir ist heute viel durch den Kopf gegangen, über das, was der Klebstoff von Beziehungen ist.
Was hält Beziehungen zusammen?
Eine Sorte von Klebstoff ist eine Kombination von Krankheit, Schmerz und Erpressung.
Wenn ein Beziehungspartner aus einer Familie kommt, wo diese Art von Kleister benutzt wurde, um die Familienmitglieder zusammenzuhalten, dann kann es leicht passieren, dass dieser giftige Klebstoff unbewusst auch in späteren "Liebesbeziehungen" angewendet wird. Einfach, weil nichts anderes vorhanden ist.
Er wird dann, auch unbewusst, versuchen den anderen in seine Schmerzen mit hineinzuziehen. Wenn er das schafft, dann sind beide verloren.
Einer der Partner muss demnach immer außerhalb des Schmerzes bleiben, damit er den anderen aus den Schmerzen herausziehen kann. Mit Mitleid geht das nicht, denn Mitleid heißt mitleiden, sich mit dem anderen im Schmerz befinden.

Lauter Träume und nix verstanden.

Chéri kommt um 7.30 mit zwei Riesentüten Brötchen. "Wie? Sind die Kinder schon weg?" Tageszeiten sind nicht seine Stärke. Er lebt nachts.
Ich stecke ihn in die Wanne und wir frühstücken zusammen.
Ich lese in der "Geo" einen Bericht über Angola. Maries Freund Ben kommt aus diesem Land.
Ich versuche ruhig zu bleiben, aber ich kann nicht. Angola könnte das reichste Land der Welt sein...und ist nach 25 Jahren Bürgerkrieg, angezettelt durch die USA und UdSSR, vollständig ruiniert. Diamanten und Erdöl...das Verhängnis Angolas.
Ben hatte Glück im Unglück...er und sein Bruder sind mit dem Leben davongekommen.
"Ihr seid doof, ihr Deutschen...ihr habt `n Komplex! Ihr kümmert euch um alle!", sagt Chéri.
"Ja, seit Hitler müssen wir immer die Guten sein. Aber lieber gut und doof, als noch mal `n zweiten Hitler zu produzieren! Hier, guck dir mal die Bilder an von Angola! Eigentlich haben wir damit nichts zu tun, aber trotzdem ist es gut, dass wir die verfolgten Menschen aufnehmen. Guck mal auf dem Foto hier! Die Kinder haben alle keine Eltern mehr!"
Er liest den Artikel. Ich habe ihn noch nie was anderes lesen seh`n, als den "Kicker"!
Nach dem Frühstück sind wir in meinem Zimmer. Er zeigt mir eine Rechnung, irgendwas wegen seines Autos, und ich sage: "Okay, lass mal`n Schein rüberwachsen und ich werde das Geld sofort überweisen!"
"Nein, das hat noch Zeit." "Wie, das hat noch Zeit!? Guck mal! Zwei Drittel von der Rechnung bestehen aus Mahngebühren und Zinsen! Okay! Wieviele Raten willst du bezahlen...wie hoch sollen die sein?" "Fünf Euro." "Fünf Euro?" Ich hefte die Rechnung ab, klappe den Ordner zu und sage: "Okay, du willst nicht! Okay, dann werde ich kein Wort mehr darüber verlieren! Du kannst nie mal JETZT sagen...alles schiebst du vor dir her, bis alles zusammenbricht. Ich geh jetzt duschen, und wenn dann hier auf dem Tisch ein Schein liegt, dann weiß ich: Hier ist ein Mann in meiner Wohnung!"
Ich gehe duschen. Als ich zurückkomme liegt ein Zwanzig-Euro-Schein im Flur. Ich quietsche: "Juhuu, ein Mann in meiner Wohnung!", doch um die Ecke liegt eine Mini-Rechnung von der Telekom, die soll damit bezahlt werden, na ja, immerhin.
Ich kann`s mir nicht verkneifen: "Wartest du wohl wieder auf den Gerichtsvollzieher? Dann kannst du wieder rumjammern, wie böse alle zu dir sind? Und die Frauen kommen an und sagen: "Ooch und aach...der arme Chéri! Der hat ja schon so früh keine Mami mehr gehabt, der Arme!"" Chéri grinst dieses unverschämte Grinsen, das besagt, dass ich ins Schwarze getroffen hab`.
Draußen scheint die Sonne.
Mir geht`s gut. Ich sage: "Chéri, ich finde das gut! Mir gefällt das! Hier ist ordentlich Zunder drin!" Er grinst mich an und fühlt sich wohl und sagt: "Ja...und hier scheint immer die Sonne!"

Morgens bin ich durch ein Gerumpel aufgewacht. Toni hatte bei seinem Vater, den ich jetzt Andreas nenne, übernachtet und nun sind beide hier und holen schon mal ein paar gepackte Kisten ab.
Am nächsten Samstag ist der große Umzug, denn Toni zieht mit seinem Vater, dessen Freundin und ihrem siebzehnjährigen Sohn in eine neue Wohnung.
Toni bekommt genau das Zimmer, das er haben wollte und ist glücklich. Heute soll gemalert werden.
"Viel Spaß...und fall nicht in den Farbtopf!", sage ich. Er freut sich und ist ganz aufgeregt.
Auf der Glatze von Andreas sprießen langsam wieder Haare, das ist immer so...verliert er seine Freundin, fallen ihm die Haare aus, findet er eine neue, dann wächst alles wieder nach.
Ich frühstücke mit Marie und Ben, dann geht Marie, um beim Malern zu helfen und Ben holt ein paar Sachen aus seinem Heim, ein Haus, in dem Kinder und Jugendliche ohne Eltern untergebracht sind.

Ich rufe bei Max an, ob er Lust hat mit zu Möbel Höffner zu kommen, denn da kann man heute 100 000 Euro gewinnen und außerdem habe ich jede Menge Gutscheine für Dies und Das. Max liest gerade in "Schlösser und Gärten..." und will lieber einen Spaziergang machen, also einigen wir uns auf beides.
Wir treffen uns, wie verabredet und finden nebenbei noch den besten Bäcker und einen Haselnussbaum. Ich sammle lauter Haselnüsse...und Haselnüsse bedeuten Eichhörnchen und Eichhörnchen bedeuten Friedhof...also beschließen wir einen Friedhof zu erkunden, der nicht weit von Höffner entfernt liegt.
Ein komischer Friedhof soll das sein. Einer, direkt an der Mauer, den sowohl die Ossis, als auch die Wessis nur mit `nem Passierschein betreten durften.
Unterwegs halten wir noch an einer Tankstelle, um die Scheiben sauber zu machen.
Ein merkwürdiges Werbeplakat hängt da: "Frauen mögen es 68% größer!" steht drauf. Und es ist ein Fernsehbildschirm drauf zu sehen, auf dem sich ein Fußballspieler gerade sein Trikot auszieht. Die Frauen auf dem Plakat scheinen hell begeistert zu sein!
Ich tue ganz schlau und sage: "Guck mal...das ist eindeutig penisbezogen!"
Max guckt sich das Plakat an und sagt: "Magst du denn Fußball?" Ich: "Ich dachte, du fragst jetzt: "Magst du denn Penisse?" Er lacht: "Na, dass du Penisse magst, das weiß ich doch!"
Wir tuckeln durch die Stadt und kommen in der Straße an, wo sich der Friedhof befinden soll.
"Guck mal!", rufe ich. "Die haben ein Stück Mauer stehen gelassen!" Ich bin entzückt. Ich stürme aus dem Auto und renne auf die Mauer zu. Wir stehen fasziniert vor diesem grauen Ungetüm. Wohlig-gruselige Erinnerungen steigen in mir auf. Ein Gefühl von Abenteuer und Gefahr, von Angst und Neugier, von Mitleid und Hier-geht`s-nicht-weiter, und...vor allem...ein Gefühl von Kindheit.
Ich betaste dieses raue Etwas, es fühlt sich nach Heimat an und nach Vergangenheit.
"Eigentlich ist es ganz gut, so`n Stückchen stehen zu lassen!", sage ich. "Denn bald wird sich sowas niemand mehr vorstellen können!" Was ja eigentlich nun auch wieder nicht so schlecht wäre.
Um die Ecke ist ein abgewrackter Trödelmarkt. Ich sehe Unmengen von alten Fahrradteilen, feinsäuberlich sortiert, nach verrosteten Ketten, zerschlissenen Satteln und eierigen Felgen.
Hier in der Nähe würde ich mein Fahrrad lieber nicht stehen lassen.
Dazwischen gibt es auch ein paar Bücher und Max feilscht um eine olle Schwarte und triumphiert, weil er sie von einem Euro auf 80 Cent heruntergehandelt hat. Das ist mir ein bisschen peinlich.
Wir bummeln die Straße entlang, auf der Suche nach dem ominösen Friedhof, vorbei an einem Wagen, der italienisches Eis verkauft, an wen eigentlich, denn hier ist weit und breit kein Mensch. Mir soll es recht sein...Waldmeister und Zitrone!
Wir biegen in eine Nebenstraße, die früher Ossiland war.
Ich sage: "Meinst du, hier wohnen immer noch die Ossis und da drüben die Wessis?"
"Nein!", sagt Max. "Hier wohnen die Ossis und da drüben dir Türken!" Denn wir sind in Mitte, gleich neben dem Wedding. Wir lachen uns tot über diesen Ausspruch...doch gleich wird es ganz ernst, denn Max sucht das überaus wichtige Grab von Theodor Fontane.
Max ist enttäuscht. Wir finden es nicht, denn er hat wohl die Friedhöfe verwechselt. Ich finde eher doof, dass es hier keine Eichhörnchen gibt. Aber trotzdem schön.
Auf einer angrenzenden Häuserwand prangt ein grelles Graffiti:
"Everybody must rest in peace!"
Ist das nicht viel cooler, als das Grab von Fontane?

Kein Bock auf Weihnachtslieder singen heute Nacht!
Weiterhin versucht eine Kommissarin mit allen psychologischen Raffinessen einen kleinen hübschen Jungen davon zu überzeugen, dass es vielleicht besser wäre, die Schule doch lieber nicht in die Luft zu sprengen. Es nützt alles nichts, am Ende muss der kleine Junge sogar erschossen werden...und er stirbt mit einem seligen Lächeln im Gesicht, als hätte er nur auf die Erlösung gewartet.
Eine Kommissarin hat es schwerer, als ein Kommissar. Für den Kommissar ist alles nur "ein Fall".
Die Kommissarin jedoch ist total mitgenommen. Sie hockt an einem Baumstumpf, an irgendeinem Ufer, und ist völlig hypnotisiert.
Glücklicherweise kommt der Kommissar und nimmt sie an die Hand, worauf hin die Kommissarin in Tränen ausbricht und nicht mehr aufhören kann zu weinen.
Ich wache auf und liege da, wie ein toter Hase, der gerade mit der Schrotflinte erledigt wurde. Ausgestreckte Vorderläufe...alles ganz steif.

Das Telefon klingelt. 7.40...an einem Sonntag!
Der AB geht an, der Fußballtrainer von Toni: "Hallo, kommt Toni nicht? Wir warten!"
Ich rufe bei Andreas an: "Geht Toni heute nicht zum Spiel?" "Ach so, ja, ich bringe ihn mit dem Auto."
Mütterliche Kathastrophenbilder, von Toni, der nie wieder pünktlich in der Schule sein wird!

Frühstück mit Marie, später kommt Toni. Die beiden wollen gleich zu `nem Geburtstag gehen und fangen auch schon langsam an zu überlegen, was sie wohl als Geschenk mitnehmen.
Mich nerven alle Arten von Geburtstagen. Ich schalte auf Durchzug und bin nicht mehr zu sprechen. Ich bin dann irgendwann rüber gebummelt zu Max, mit Tortelettes und Schlagsahne.
Unterwegs bin ich am Restaurant vorbeigekommen, Chéri lehnt in der Tür und schreit: "Bonjour Mademoiselle! Willst du ein Kaffee?"
"Nee, danke!"
"Komm doch rein, ein Moment!"
"Nee, danke!"
Ich geh einfach weiter. Ich kann das nicht ausstehen! So reden Fremde miteinander! Das ist 0 8 15 Standard. Purer Mechanismus. So redet er mit allen.

Ich hab Glück, Max ist zu Hause. Er macht uns einen Tee und wir essen.
"Was ist los mit dir? Bist du ein bisschen deprimiert?" "Ooch, nichts!" sag ich, denn über Chéri kann ich mit ihm nicht sprechen.
Ich fummel noch ein bisschen auf dem Balkon herum, sammle Samen ein und mache trockne Blätter ab, bis alles wieder schön aussieht.
Max stellt sich hinter mich, umarmt mich und ich ahne seinen Schwanz. Das macht mich ein bisschen geil.
Ich ziehe in zum Bett und er sagt: "Zenni, ich gaub` ich kriege keine Erektion mehr. Mit mir geht`s bergab!" Ich sag: "Du spinnst! Das wäre ja das Allerneuste!" "Doch! Ehrlich! Fass mal an!" Ich gacker rum: "So´n plumpen Trick hattest du ja noch nie auf Lager!" Trotzallem ist meine Experementierfreudigkeit geweckt und siehe da, alles steht wieder zum Besten.
Später begleitet mich Max noch fast bis nach Hause. Und zur Bank muss er auch noch. Auf der Brücke muss ich mir langsam etwas einfallen lassen, denn wir kommen in`s Revier vom Restaurant. Von seiner Hand komme ich los, indem ich plötzlich einen Stein im Schuh habe, den ich jetzt natürlich ausschütteln muss und danach vergesse ich einfach wie Händchenhalten geht.
Händchenhalten ist glaube ich verboten und nur offiziellen Liebespaaren zugedacht. Händchenhalten ist offiziell ein Ausdruck von Besitz, obwohl es eigentlich ein Ausdruck von Liebe ist, aber Liebe geht immer nur für zwei. So begrenzt ist Liebe offiziell. Wenn ich mal kurz durchzähle, sind hier eventuell gleich drei im Spiel und das ist offiziell nicht zu verantworten.
Offiziell müsste ich mich glaube ich entscheiden, zu wem ich nun eigentlich gehöre, inoffiziell kann ich machen was ich will...es darf nur keiner wissen.
Es geht hier um die Ehre der Männer und um akute Verletzungsgefahr!
Um hier nichts kaputt zu machen, wird die Ampel genau im richtigen Moment grün, so dass Max gleich weiter geradeaus geht und ich um die Ecke, wo das Restaurant ist und jemand, der vielleicht kein Verständnis dafür hat, dass Liebe unendlich ist. Oder vielleicht doch?

Andreas ist auf den Hund gekommen und ich muss aus meiner Wohnung raus, weil die die Miete erhöht haben.
Ich wache auf, mit einer Angst im Herzen, dass ich Chéri verlieren könnte. Mein Räubersack mit Männern wird immer leerer und leichter. Bald ziehe ich nur noch ein Stück Stoff hinter mir her.
Gefrühstückt mit drei "Kindern". Schulbrote gerade noch rechtzeitig fertiggeworden.
Ein Schlüssel im Schloss, ich rase zur Tür...Toni und ein Freund kommen von der Schule zurück, weil die ersten beiden Stunden ausgefallen sind.
Und ich gehe gleich Geld verdienen.

Das Drama im Kopf
Deutsch-Französisches Drama in zwei Akten
Erster Akt, erste Szene
Berliner Altbauwohnung, vierter Stock, Hinterhof, Südseite, immer sonnig.
Die Tür geht auf, er (individuelle Kleidung, offener Anzug, offenes Hemd, etwas zerlumpt, stechender Geruch) erscheint im Bild.
Sie (in der Küche, verächtlich): Oh, hat der Herr ein schönes Wochenende gehabt? Kehrt er nun zurück in sein Hotel?
Er (wirkt müde und zerknirscht): Weib, was hast du wieder! Warum bist du an mir vorbeigezogen?
Sie (schlägt die Hände über dem Kopf zusammen): Ich kann`s nicht mehr ertragen! Diese französische Karikatur vor seinem Restaurant! Café au lait in der Hand und Gitanes im Mund. Mütze obendrauf und Küsschen links und Küsschen rechts! Salut Mesdames, salut Messieurs!
Er (resigniert, lässt sich erschöpft auf einem Stuhle niedersinken):
Auch das noch!
Sie (wutentbrannt): Steh auf du Schlappschwanz, sei ein ganzer Mann! Wer bist du denn, ich kann dich nicht erkennen!
Er (erschrocken): Weib, was willst du denn?
Sie (in Rage): Was ich von DIR will? Was willst du von MIR? Ich weiß es schon, mach mir nichts vor! Bequem ist`s! Ich wasch dir die Wäsche, bade dich in Eselsmilch und salbe dir die Füße! Du Gauner, du Halunke!
Er (erwacht langsam): Ach darauf willst du jetzt hinaus! Du kennst mich nicht! Ich ahnte es! La régression d`amour! Du schmeißt mich weg, wie eine alte Socke (quetscht sich eine Träne aus dem linken Auge)!
Sie (etwas verstört): Geliebter! Was ist mit dir! So wein` doch nicht! Es wird ja alles gut!
Er (blinzelt verstohlen): Wirklich? (zieht sich mit Schwung die Schuhe aus) So hätt` ich heute gerne dreierlei Käse, un café crème und vielleicht ein Ei, nur ein ganz kleines!
Sie (ehrerbietig): Sofort Geliebter!
Er (galant, streicht ihr übers Haar): Mon petit bébé!
Sie (emsig): Das Bett ist schon gerichtet! Weiße, seid`ne Tücher!
Er: (ganz munter): Merci mon amour, du bist die Beste!

Zweiter Akt, erste Szene
Im Flur, es klingelt
Sie öffnet die Tür. Draußen steht ihr Geliebter.
Geliebter (verwirrt): Was sehen meine Augen! Wer ist das!
Er: (frech): Bonjour Monsieur, ich bin der Brötchenlieferant! (Geht ab.)
Geliebter (fragend, an sie gerichtet): Frau, sah er nicht ein wenig inoffiziell aus?

Vorhang zu. Mantel auch.

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Gedichte auf den Leib geschrieben