Drei Stunden im Orient

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Drei Stunden im Orient

Drei Stunden im Orient

Leni Trattner

Charmant? Wir hatten wohl andere Wortdefinitionen von «charmant». Aber dies war aktuell nicht von Belang.
„Ich bin nicht sicher, ob Presseführung im Stundenhotel Teil des Konzepts ist.“
Doch er winkte nur ab. „Das schaffst Du schon, Laura. Und denk an den Ton: ein bisschen sinnlich, aber niveauvoll.“
Schon war er verschwunden und ich wandte mich wieder meiner Arbeit zu. Der Bildschirm vor mir zeigte noch immer die Kunstkritik über die expressionistischen Selbstporträts von Schiele. Ich sah auf die Linien, die sich am Hals hinabzogen, und dachte: Vielleicht hatte Martin recht. Vielleicht lagen Kunst und Kultur doch näher an der Erotik, als es mir lieb war. Und vielleicht war es an der Zeit, der Erotik Einlass in den Kulturteil zu gewähren.
Am Heimweg dachte ich länger darüber nach, als mir lieb war. Die Abendluft war mild, Wien dunstete den vertrauten Geruch nach geröstetem Kaffee und feuchtem Asphalt aus. Ich ging über den Naschmarkt, sah auf die Reihen der langsam schließenden Stände und fragte mich, wie viel Professionalität in einem Stundenhotel Platz hatte – und wie viel Verlegenheit.
Aber es war entschieden. Ein Stundenhotel also.
Ich hatte in meinem Leben über Kunst, Musik, manchmal auch über Gesellschaftstabus geschrieben – aber noch nie über ein Zimmer, das per Definition für Sex gemacht war. Nein, es war für mehr gemacht, für das Dazwischen. Es war ein Ort zwischen Alltag und Begehren, zwischen Anonymität und Nähe. Daraus würde sich sicher etwas machen lassen.
Zuhause stellte ich den Laptop auf den Küchentisch und begann zu recherchieren.
Hotel Orient, gegründet 1904. Erste Adresse ihrer Art, beliebte Adresse für Diskretion. Ich fand alte Presseberichte, Boulevardfotos, sogar ein Interview mit dem damaligen Besitzer, der von „Eleganz statt Eile“ sprach. Ich mochte das.

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