Drei Stunden im Orient

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Drei Stunden im Orient

Drei Stunden im Orient

Leni Trattner

Vielleicht war das ein guter Aufhänger.
Nach einer Weile rief ich im Orient an. Das Telefon klingelte ungewöhnlich lange, bevor eine Frau mit sanfter Stimme abhob.
„Hotel Orient, guten Abend.“
„Ja, guten Abend. Mein Name ist Laura Berger, ich bin Journalistin, schreibe über historische Hotels und würde das Orient gern besichtigen – wäre das möglich?“
Eine Pause. Dann: „Also … besichtigen kann man bei uns nicht. Wir vermieten ausschließlich an Gäste. Drei Stunden oder länger.“
„Ich verstehe.“ Ich lächelte, obwohl sie mich nicht sehen konnte. „Kein Blick hinter die Kulissen?“
Ein kleines Lachen. „Unsere Gäste schätzen Diskretion. Und ehrlich gesagt – ein leeres Zimmer wäre kein echtes Orient-Zimmer. Wissen Sie? Wenn sie ein Zimmer brauchen, kommen sie einfach vorbei.“
Mit diesen Worten legte sie auf.
Ich nickte, obwohl das Telefon längst stumm war. Ja, ich wusste.
Ein leeres Zimmer war kein Ereignis. Es brauchte Körper, Geräusche, Spuren. Alles, was in einem offiziellen Text nur Randnotiz bleiben würde, aber doch essentiell war.
Ich legte auf, öffnete mein Notizbuch und schrieb: „Die Architektur ist Nebensache. Es geht um den Ton der Stunde.“ Und fragte mich, ob ich mit pathetischen Worten verschleiern wollte, worum es hier eigentlich ging. Nämlich um Sex.
Um nicht noch mehr Phrasen zu dreschen, legte ich den Stift zur Seite und lehnte mich zurück. Wien versank langsam in der Nacht.
Vielleicht, dachte ich, würde dieser Auftrag mehr Beobachtung fordern, als ich dachte – und ein wenig Mitarbeit.
Ich griff zum Telefonbuch und suchte seinen Namen – Lukas. Ein Freund mit einer besonderen Dynamik zwischen uns, unverbindlich, aber vertraut genug, um auch ungewöhnliche Vorschläge mal locker mitzuspielen. Ich tippte seine Nummer ein und wartete, während das Freizeichen knisterte.
„Hallo?

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