Ich war gerade dabei, eine Kritik über eine neue Ausstellung im Leopold-Museum zu beenden, als Martin von der Ressortleitung in meinem Postfach auftauchte. Betreff: „Klein, aber fein – Reportagen-Idee.“ Text der E-Mail: «Ich komme gleich vorbei.»
Ich seufzte. Martins Ideen waren selten klein, meistens extravagant und gelegentlich eine Zumutung. Also wappnete ich mich gedanklich schon auf das, was kommen würde.
„Du, Laura,“ rief er auch schon quer durch den Großraumbereich, „ich hätte da was für dich!“
Ich stand nicht auf, drehte mich aber in meinem Stuhl, als er in meiner kleinen Kabine stand.
„Hoffentlich nichts über Street Food – einmal pro Jahr verdorbener Magen reicht mir.“
„Nein, nein … viel besser“, sagte er und stützte sich beiläufig an meinem Schreibtisch ab. „Du kennst doch das Hotel Orient?“
Ich brauchte einen Moment. Der Name klang vertraut, aber nicht aus dem Kulturressort.
„Das ist doch dieses—“
„Genau – das älteste Stundenhotel Wiens. Eine Institution! Hundertzwanzig Jahre Geschichte. Da muss was drinstecken.“ Er grinste selbstzufrieden. „Okay, schlechtes Wortspiel. Aber ich glaube, da ist was für uns. Mach doch eine kleine Reportage: alte Wiener Sinnlichkeit, Architektur, Atmosphäre… Du wärst perfekt dafür.“
„Du willst, dass ich für den Kulturteil über ein Stundenhotel schreibe?“
„Warum nicht? Wien war immer auch die Stadt der Schlafzimmer. Freud, Schnitzler – das ist Kultur. Und du kannst das schreiben, ohne dass es peinlich wird.“
Das war, in Martins Sprache, ein Kompliment.
„Ich bin Journalistin, keine Sexkolumnistin“, murmelte ich. Doch ich spürte, wie mich das Thema reizte. Ein altes Hotel, diskret, voller Geschichten – das hatte seinen Reiz.
„Wie soll ich das machen? Einfach hingehen?“
„Ruf an, mach einen Termin. Sag, du bist von uns. Wird sicher charmant.“
Drei Stunden im Orient
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Drei Stunden im Orient
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