Es ist vielleicht die Erinnerung, die mir am häufigsten in den Sinn kommt. Aber es gibt so viele Kleinigkeiten, die sie wachrufen können – der Anblick des Fitnessstudios für Frauen mit dem großen Schild Poledance – Fitness Class, eine Filmszene mit einer Frau, die sich an der Stange dreht, oder dieser seltene Moment, in dem mich die Motivation packt, Sport zu treiben – bis mir nach drei Minuten bewusstwird, dass Gelenkigkeit einfach kein Talent von mir ist.
Es war damals die Zeit, als Poledance plötzlich überall war. Der Trend, der gleichzeitig mit Empowerment beworben und doch mit einem Augenzwinkern betrachtet wurde. Jede Frau machte es angeblich nur für sich, um sich schön, stark, frei zu fühlen. Und selbstverständlich hatte das nichts, gar nichts mit Männern zu tun.
Ich fand diese Rhetorik schon damals amüsant. Natürlich weiß ich, wie es ist, sich schöne Dessous anzuziehen, nur um sich selbst zu gefallen. Aber die Erotik aus dieser Bewegung herauszunehmen – das erschien mir immer etwas bemüht. Was war denn so schlimm daran, zuzugeben, dass man sich stark fühlen und gleichzeitig gefallen wollte?
Als Reporterin in der Lifestyle-Redaktion blieb mir der Trend nicht lange erspart. Eines Morgens meinte mein Ressortleiter lächelnd: „Mach’s doch mal ganz praktisch. Schreib aus der Innenperspektive.“ Ich nickte, obwohl in mir alles kurz zusammenzuckte. Ich hatte in meinem Leben zwar getanzt, aber nie erotisch. Und Stangen kannte ich nur aus dem Tram. Doch ein Nein hätte nach Prüderie geklungen. Also meldete ich mich an.
Einsteigerkurs – sinnlich, sportlich, selbstbewusst. Drei Adjektive, von denen zwei nicht zu mir passten. Na schön, dachte ich, Recherche hat ihre Opfer.
Der Raum roch nach Vanille-Deo – schwer, süßlich, ein Duft, der alles Körperliche überdeckte und zugleich betonte.
Echt bewegt
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