Trotzdem fühlte er sich verantwortlich, was Liesels guten Ruf anbelangte. Karl wollte verhindern, dass seine Schwester im Überschwang der Gefühle womöglich ihre Unschuld verlor. So konnte er als einziger das Picknick nicht vollumfänglich genießen, während Luise die Turteltäubchen mit einem Schmunzeln beobachtete. Liesel wähnte sich im siebten Himmel, als der Galan ihr ein Träubchen in den Mund steckte. Karl bedachte diese zärtliche Geste mit einem finsteren Blick, der Luise Angst machte. Am selben Abend warnte sie Liesel, den Bruder nicht allzu offensiv herauszufordern. „Dein Bruder Karl meint es nur gut, Liesel! Er macht sich eben Sorgen um deinen tadellosen Ruf und du solltest ihm dafür dankbar sein. Provoziere Karl nicht, indem du Konrad Frechheiten gestattest. Du trägst ansonsten selbst schuld, wenn diese Angelegenheit eskalieren sollte. Sei ein kluges Mädchen, dann wirst du heil und unbeschadet an dein Ziel gelangen.“ Liesel versprach der Gouvernante, dass sie deren Rat befolgen wollte. Im Inneren regte sich aber ihr Widerstand. Was ging es den Bruder an, wenn sie sich mit ihrem Liebsten vergnügte? Liesels Eigensinn brach sich Bahn und es stand außer Frage, dass er siegreich bleiben würde. „Keine Sorge, liebes Fräulein! Ich gebe Karl keinen Grund, auf mich wütend zu sein, auch wenn ich so gut wie erwachsen bin.“ Dann zog sie lächelnd von dannen, während Luise nachdenklich zurückblieb. Es vergingen dann auch nur wenige Tage, bis es zu einem einschneidenden Zwischenfall kam. An diesem Sonnabend fand Karl keinen Schlaf. Es zog ihn ins Freie, wo er sich eine Zigarette ansteckte. Es waren leise Stimmen, die seine Aufmerksamkeit erregten. Karl verbarg sich hinter einem der zahlreichen Bäume, die sein Elternhaus umgaben. Er erkannte Konrad, der sich mit Liesel zu den Stallungen aufmachte. Das Paar unterhielt sich flüsternd, während es auf leisen Sohlen unterwegs war. Karl wartete, ehe er die Verfolgung aufnahm.
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