Ein Abend ohne Folgen

14 7-12 Minuten 0 Kommentare
Ein Abend ohne Folgen

Ein Abend ohne Folgen

Leni Trattner

Oder zumindest sicher, im körperlichen wie im emotionalen Sinn. Ich wollte mich fallen lassen, aber nicht verlieren.
An jenem Abend hatte ich – so lächerlich es klingt – eigentlich gar nichts erwartet. Höchstens ein gutes Stück, das mich fesseln würde, mehr nicht. Theater war für mich immer Kunst, nie Vorspiel. Ich ging allein, wie so oft, weil ich mich dann ganz auf das Geschehen konzentrieren konnte. Kein Begleiter, der sich über die Regie mokierte oder mir kluge Kommentare ins Ohr flüsterte. Nur ich, der Saal, das Licht. Ich wollte genießen, nicht erklären. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Abend durchaus mehr Lust auf die Inszenierung hatte als auf Gesellschaft.
Brecht stand auf dem Spielplan. Ich war pünktlich, vielleicht zu pünktlich. Der Platzanweiser, ein junger Mann in schwarzer Uniform, begegnete mir mit einem Lächeln, das weniger dienstlich als still neugierig war. Seine Bewegungen waren ruhig, fast tänzerisch. Er nahm mein Ticket, sah auf die Zahl, wandte sich, und ich folgte ihm durch die engen Reihen. Eine fast beiläufige Geste – und doch spürte ich eine Spannung, kaum wahrnehmbar, aber klar genug, dass sie zwischen uns blieb wie ein feiner Draht in der Luft.
Er hatte diese Art, den Kopf leicht zu neigen, wenn er sprach – etwas höflich Zurückhaltendes und zugleich Herausforderndes. Unsere Blicke trafen sich ein, zwei Sekunden zu lang. Und da war sein Blick, forschend, fast lauernd. Ein Hauch zu viel Aufmerksamkeit, zu viel Spiel. Und ich merkte, dass mich das reizte.
Als wir meinen Platz erreichten, verabschiedete er sich mit einem Lächeln. Ich hätte einfach danken und mich setzen können, aber etwas hielt mich zurück. Ich kaufte mir noch ein Programmheft – kein Bedürfnis, nur ein Vorwand, länger dortzubleiben.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 542

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben