Ein Abend ohne Folgen

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Ein Abend ohne Folgen

Ein Abend ohne Folgen

Leni Trattner

Als ich die Münze überreichte, streiften sich unsere Finger, so flüchtig, dass es hätte Zufall sein können – und doch war es keiner. In diesem winzigen Kontakt zitterte etwas wie Strom, körperlich, aber nicht unangenehm. Ich dachte: Das war nicht notwendig. Und genau das machte es so intensiv.
Er lächelte leicht, als wüsste er, dass ich es gespürt hatte. Ich erwiderte den Blick, nur einen Moment zu lang, und es war ein stilles Einverständnis – das Wissen, dass da etwas begonnen hatte, ohne dass jemand ein Wort gesagt hatte.
Wir spielten dieses leise, alte Spiel – Blicke, die einander suchen und wieder ausweichen. Ein Spiel, das in einem Theater genauso funktioniert wie überall sonst, wo Menschen einander beobachten, unauffällig, aber nicht unschuldig. Als ich mich gerade abwenden wollte, wünschte er mir mit einem kaum merklichen Lächeln „einen schönen Abend“. Ich erwiderte nur: „Vielleicht bis später.“ Ich weiß noch, wie das klang – leichter, koketter, als ich es gemeint hatte. Aber der Satz blieb im Raum, und er nickte, als hätte er ihn verstanden.
Als das Licht im Saal langsam gedimmt wurde, sah ich ihn noch einmal an der Tür. Er suchte meinen Blick, nickte kaum merklich und schloss die Tür. Ich saß am Rand, ganz außen am Gang, nur wenige Schritte von ihm entfernt, jenseits der geschlossenen Tür. Ich wollte mich auf die Bühne konzentrieren, aber hörte keine einzige Zeile. Stattdessen spürte ich meinen Herzschlag, stärker als sonst, als wollte mein Körper sagen, dass etwas begonnen hatte, bevor mein Kopf es begriff.
Irgendwann, nach zehn Minuten vielleicht, öffnete sich die Tür neben mir wieder. Ganz leise. Zuerst dachte ich, eine verspätete Besucherin würde hereingelassen. Doch ich wusste sofort, dass es nicht das war. Im schmalen Spalt sah ich ihn stehen, halb im Dunkeln, das Licht der Bühne streifte sein Profil.

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