Ein Abend ohne Folgen

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Ein Abend ohne Folgen

Ein Abend ohne Folgen

Leni Trattner

Seine Hand bewegte sich kaum merklich.
Ich wusste, was sie bedeutete. Kein Zögern, kein Drängen – nur die Möglichkeit. Und manchmal, das habe ich später verstanden, ist eine Möglichkeit verführerischer als jedes Versprechen.
Ich hätte sitzenbleiben können. Ich sagte mir das auch. Ich könnte das Stück sehen, später ein Glas Wein trinken und den Abend abhaken. Aber schon in dem Moment spürte ich, dass mein Körper längst entschieden hatte. Nicht mein Kopf. Der blieb zurück in der Logik. Aber meine Hand, die das Programm hielt, wurde plötzlich heiß. Mein Atem flacher. Es war kein Beschluss – es war ein Impuls.
Ich stand auf. Still, fast beiläufig. Und doch wusste ich, dass dieser Schritt mehr bedeutete als alles, was ich bisher über Begehren verstanden hatte.
Er wartete hinter der Tür. Als ich hinaustrat, blieb er einen Moment stehen, als wolle er mir Raum lassen. Dann streifte seine Hand die meine, hielt sie – nicht fest, aber eindeutig. Unsere Blicke trafen sich kurz. Ich ließ meine Finger in seinen ruhen und folgte ihm.
Ich kam direkt aus dem Dunkel des Zuschauerraums. Wusste, dass draußen noch die Sonne schien. Und doch befand ich mich nun in einer Welt aus gedämpfter Deckenbeleuchtung, die die ganze Situation für mich noch surrealer erscheinen ließ. Ja, hier im Inneren des Theaters fühlte ich mich wie in einer anderen Zeit. Um mich herum standen so viele Zeugnisse der Geschichte. Die Luft war warm, schwer, roch nach Samt, nach Holz, nach der Spur von Parfum, das Besucher zurückgelassen hatten. Und dann war da noch ich, die nicht fassen konnte, was sie in jenem Moment tat. Aber es so gar nicht bereute.
Der Gang lag leer und still. So still, dass ich mein Kleid bei jedem Schritt rascheln hörte. Und dass meine Absätze auf dem Marmor plötzlich viel zu laut schienen, sodass ich es nur wagte, auf den Ballen hinter ihm her zu tippeln.

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